https://www.faz.net/-gqz-wioc

: Die Herren der Hyänen

  • Aktualisiert am

Unter den wilden Tieren der Welt haben Hyänen einen denkbar schlechten Ruf. Daran ist Alfred Brehm nicht unschuldig. In seiner Enzyklopädie "Illustriertes Thierleben", in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erstmals veröffentlicht, beschrieb der Zoologe Hyänen als dumm, böse und feige.

          Unter den wilden Tieren der Welt haben Hyänen einen denkbar schlechten Ruf. Daran ist Alfred Brehm nicht unschuldig. In seiner Enzyklopädie "Illustriertes Thierleben", in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erstmals veröffentlicht, beschrieb der Zoologe Hyänen als dumm, böse und feige. Bei dieser Vermutung ist es im Wesentlichen geblieben, auch wenn die Wissenschaft längst über Brehms Erkenntnisse hinaus ist. Neuere Studien weisen etwa nach, dass Tüpfelhyänenmännchen besonders höfliche und aufmerksame Liebhaber sind, was im Zusammenhang mit einer anatomischen Besonderheit der Weibchen steht. Auch ist das alte Vorurteil korrigiert, Hyänen ernährten sich ausschließlich von Aas. Tatsächlich gehören sie in den Savannen Ostafrikas zu den erfolgreichen Jägern, die ihre Beute allein oder in kleinen Gruppen erlegen.

          Sogar in Afrika, der Heimat der Tüpfelhyäne, ist die Furcht vor dem Tier weit verbreitet. Das äußert sich nicht nur in vielen Legenden und Sagen, sondern auch in bizarren Kolportagen, die bisweilen sogar seriöse Medien erreichen. So zitiert der nigerianische Journalist Adetokunbo Abiola die Meldung aus einer Zeitung in Lagos, in der es vor einigen Jahren hieß, eine Verbrecherbande, die ihre Opfer mit Hilfe einer abgerichteten Hyäne und eines Affen beraubte, sei in eine Schießerei mit der Polizei geraten. Tatsächlich war es so, dass die Besitzer der Hyänen, eine Familie fahrender Schausteller, an einem Polizeiposten unter Feuer gerieten. Die Schießerei endete tödlich für zwei Hyänen und zwei Beamte, die versehentlich von ihren Kollegen getroffen wurden. Erst im Nachhinein sei gegen die Hyänen-Männer Anklage erhoben worden, sie wurde aber schnell wieder fallengelassen. So lautet die Version des Ereignisses, die Abiola von Abdullahi Ahmadu hörte.

          Adbullahi Ahmadu gehört seit seiner Kindheit zu den Gadawan Kura, den Hyänen-Männern, die als Gaukler und Wunderheiler durch Nigeria ziehen und ihr Laufpublikum mit Tierdressuren zum Kauf traditioneller Medizin animieren - die Tinkturen, Salben und Wunderpulver sollen immun machen gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Zur Gruppe zählen überdies Ahmadus kleine Tochter Mummy, drei Hyänen, zwei Felsenpythons und vier Paviane. Beim Blick auf die Familie wird man auf Anhieb kaum entscheiden können, wer den gefährlicheren Eindruck macht: die Männer, alle im besten Alter, die finster entschlossene Mienen und grelle Muskelhemden zur Schau tragen, oder die Hyänen zu ihren Füßen, deren Bedrohlichkeit durch improvisiert wirkende Maulkörbe aus Hanfstricken und Eisenketten um den Hals noch verstärkt wird.

          Die Hyänen-Männer und ihre Tiere strahlen einen eigenartigen Reiz aus. Ihm ist auch der junge Fotograf Pieter Hugo aus Südafrika erlegen, der über Abiola Kontakt zu der Truppe fand und die Reisenden durch ihre Heimat begleiten durfte. Die Aufnahmen, die unterwegs entstanden, zeigen nicht das Handwerk der Schausteller, die Tricks und Kunststücke, mit denen sie ihr Publikum unterhalten. Vielmehr konzentriert sich Hugo auf Porträts, die er selbst als Vermischung von Mensch und Tier, Zivilisation und Wildheit bezeichnet. Es sind Bilder von verstörender Fremdheit - selbst für Betrachter, für die das Unbehauste afrikanischen Lebens auf der Straße ein geläufiger Eindruck ist. Die Irritation entsteht durch das Nebeneinander des selbstgewissen Posierens von Mensch und Tier vor dem Elend der Kulissen aus Überlandstraßen, Betonbrücken und Elendsquartieren - Menetekeln einer Welt, die verdorben ist von den Auswürfen der Zivilisation. Intuitiv erkennt man, dass diese Bilder vor allem von einem erzählen: von Stolz und Würde der Kreatur wider die Verhältnisse.

          "The Hyena & Other Men" von Pieter Hugo (Fotos) und Adetokunbo Abiola (englischsprachiger Text). Prestel Verlag, München 2007. 80 Seiten mit 35 Farbfotografien. Gebunden, 39,95 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.
          Ende der Eiszeit: Brigitte und Emmanuel Macron mit Wladimir Putin

          Putin bei Macron : Ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok

          Der französische Präsident Macron will Russland stärker einbinden – und gemeinsam eine neue Sicherheitsarchitektur schaffen. Dazu beendet er seine diplomatische Eiszeit mit Wladimir Putin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.