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: Die Freiheit des Linkshänders

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Muss man das wirklich alles wissen? Muss man wissen, dass die flache Landschaft um Leonora für Jogging sehr geeignet ist, dass der Autor am Cape Leeuwin, wo sich die Ozeane treffen, vergeblich versuchte, "das Ineinanderfließen der Wassermassen zu regeln", er immer einen Kasten Bier als Reserve im ...

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          Muss man das wirklich alles wissen? Muss man wissen, dass die flache Landschaft um Leonora für Jogging sehr geeignet ist, dass der Autor am Cape Leeuwin, wo sich die Ozeane treffen, vergeblich versuchte, "das Ineinanderfließen der Wassermassen zu regeln", er immer einen Kasten Bier als Reserve im Auto hatte und "Fahren im Dunkeln, mit Dränglern hinter mir" nicht mag? Derlei Überflüssiges gibt es zuhauf in diesem siebenhundertneunzig Seiten starken Band - selbst im Taschenbuchformat ein Lesestoff, der Stehvermögen verlangt. Mehrmals war der Autor in Australien, und da gibt es natürlich eine Menge zu erzählen. Umso mehr aber wäre es deshalb notwendig, den Mitteilungsdrang zu zügeln und die Gedanken zu ordnen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dieser Reisebericht sei nicht mehr als ein stilistisch schlampiges "Fahrtenbuch", mit dem - gewissermaßen zu therapeutischen Zwecken - sich Erlebnisse von der Seele geschrieben werden. Ein solcher Verdacht nämlich drängt sich auf, und er wird verstärkt durch sehr merkwürdige Schlussfolgerungen. Zum Beispiel ist zu lesen: "Sicher ist es dieser Akzeptanz der persönlichen Freiheit des Mitmenschen, dass es in Australien erstaunlich viele Linkshänder gibt." Mehr als gewagt ist es, dass der Autor, auch wenn er sich als Arzt zu erkennen gibt, durch den bloßen Augenschein feststellt, dass die Australier in den vergangenen sieben Jahren fetter geworden sind und er zweiunddreißig Prozent der Bevölkerung als übergewichtig ermittelt. Mehr als befremdlich wirkt, wenn Dieter Tischendorf seine immer wieder beschworene Liebe zum Land dadurch konterkariert, dass er sich im Motel sogar an der Abreise einer australischen Familie stört und sagt, nur eine "wilde Horde" von Asiaten oder aber mehr als zwei Italiener könnten diesen Lärm noch überbieten. Recht irritierend schließlich ist es, wenn man am Ende dieses "Borns des Kennenlernens für Interessierte" mit einem Fazit in Gedichtform überrascht wird. Die erste Strophe lautet: "In jungen Jahren packt' ich meine Sachen. Zog weg zum Kampf für Menschenwohl und Recht. Wahrscheinlich konnt' ich dafür nicht viel machen. Doch immerhin verdiente ich nicht schlecht." Nun muss man sich wohl doch fragen, in welcher Gedankenwelt der Autor zu Hause ist.

          tg

          "Und immer weiter zur Sonne - Geschichten und Erlebnisse in und über Australien" von Dieter Tischendorf. Ditido Verlag, Albersdorf 2006. 790 Seiten. Broschiert, 18,50 Euro. ISBN 3-9807731-2-4

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