https://www.faz.net/-gqz-qh47

: Der Pfad im Niemandsland

  • Aktualisiert am

Wandern verschafft eine Fülle von Eindrücken, was vielen Zeitgenossen allerdings nicht genügt. Populärer denn je ist es deshalb, Texte von Dichtern und Denkern in den Rucksack zu packen, die in der durchschrittenen Region lebten, sie regelmäßig besuchten oder sonstwie eine besondere Beziehung zu der Gegend hatten.

          Wandern verschafft eine Fülle von Eindrücken, was vielen Zeitgenossen allerdings nicht genügt. Populärer denn je ist es deshalb, Texte von Dichtern und Denkern in den Rucksack zu packen, die in der durchschrittenen Region lebten, sie regelmäßig besuchten oder sonstwie eine besondere Beziehung zu der Gegend hatten. Der Zürcher Rotpunktverlag hat nun einen wahrhaft opulenten literarischen Wegbegleiter für insgesamt dreißig Wanderungen vorgelegt. Er versammelt allerdings keine Originaltexte, sondern Beiträge von Gegenwartsautoren, die bei ihren Erkundungstouren Werke berühmter und weniger berühmter Vorgänger in Kopf oder Gepäck hatten. Der Raum dieser Spurensuche aus zweiter Hand ist Graubünden, das als traditionelles Paß- und Transitland immer schon Anziehungspunkt für die schreibende Zunft war. Entsprechend renommierte Namen tauchen auf: Max Frisch, Friedrich Nietzsche, Thomas Mann. Aber auch die Autoren des vierhundertseitigen Wanderlesebuchs sind nicht ganz unbekannt: Dres Balmer etwa, Margrit Sprecher oder der Herausgeber Andreas Bellasi. Besonders angenehm ist, daß weder die durchschrittene Landschaft verklärt noch den Schilderungen der Meister vorschnell Glauben geschenkt wird. Gelegentlich sind deren Werke sogar nur Anlaß, selbst loszuwandern und sich ein eigenes Bild zu machen. Dres Balmer beispielsweise bewegt sich auf den Spuren Thomas Bernhards von Zizers nach Chur, findet Grausiges und Abschreckendes in der Schweiz des einundzwanzigsten Jahrhunderts, aber nirgends die alles verschlingende Düsternis, die in Bernhards "Untergeher" inszeniert wird. Auch andere Täuschungen und Possenspiele werden aufgedeckt. Der bekannte Roman "Via Mala" spielt gar nicht in der gleichnamigen Schlucht des Hinterrheins. John Knittel hat sich nur des Mythos dieses sagenumwobenen Saumpfads bedient. Auf der Suche nach den tatsächlichen Schauplätzen des Romangeschehens muß man sich ins Vorderrheintal begeben und von Disentis aus Richtung Lukmanierpaß aufsteigen - ohne aber auch hier wirklich fündig zu werden. Die Via Mala des John Knittel ist ein geographisches Niemandsland, das überall im Gebirge liegen könnte. Die Publikation des Rotpunktverlags liefert in dieser Hinsicht einen Kontrapunkt: Sie enthält keine vagen Ortsangaben, sondern exakte Wegbeschreibungen mit Gehzeiten und Höhendifferenzen, so daß man notfalls auch ohne Karte wandern kann. Hilfreiche Angaben für die Benutzung des öffentlichen Verkehrs fehlen ebenfalls nicht - wie in keinem Wanderbuch des aufstrebenden Nischenverlags. Lesenswert ist das Buch auch zu Hause. Im Rucksack hingegen wird man das Trumm bisweilen verfluchen.

          fitz

          "Höhen, Tiefen, Zauberberge - Literarische Wanderungen in Graubünden". Herausgegeben von Andreas Bellasi. Rotpunktverlag, Zürich 2004. 416 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Broschiert, 24 Euro. ISBN 3-85869-277-8.

          Weitere Themen

          Wohin steuert Brasilien?

          Polit-Doku bei Netflix : Wohin steuert Brasilien?

          Die Filmemacherin Petra Costa porträtiert ihr politisch gespaltenes Heimatland in einer Netflix-Doku auf so persönliche wie erhellende Weise. Sie warnt vor dem Ende der Demokratie.

          Topmeldungen

          Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

          Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

          Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
          Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

          Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

          Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.