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: Der graue Engel

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Der österreichische Schriftsteller Karl Lubomirski, in dessen brüchiger Lyrik mit unbestechlicher Beobachtungsgabe die Geschichtsdurchdringung der Gegenwart zum Leitmotiv wird, geht in episodenhaften Reiseberichten den postsowjetischen und postkolonialen Zuständen in Russland und Usbekistan, Rajasthan und Sri Lanka nach.

          Der österreichische Schriftsteller Karl Lubomirski, in dessen brüchiger Lyrik mit unbestechlicher Beobachtungsgabe die Geschichtsdurchdringung der Gegenwart zum Leitmotiv wird, geht in episodenhaften Reiseberichten den postsowjetischen und postkolonialen Zuständen in Russland und Usbekistan, Rajasthan und Sri Lanka nach. So interessieren ihn in seinen Momentaufnahmen Russlands die materiellen und geistigen Hinterlassenschaften von Stalins Terrorherrschaft, von Krieg und Kaltem Krieg bis hin zum kapitalistisch-konsumorientierten Erbe der Perestrojka. Zwischen Verwahrlosung und einem "Ausdruck des Überlebenswillens" rekonstruiert er in Moskau und St. Petersburg seine Begegnungen mit "dem grauen Engel des Mangels" und porträtiert die "schlecht versorgten, nicht ausgebildeten, zahlreichen Übriggebliebenen des Sowjetregimes". Das Buch überzeugt durch seine assoziativen Übergänge und die eingeflochtenen Gedanken über Schönheit, Ästhetik und ihr Verhältnis zur Politik, wenn er etwa über die "Rhetorik der Denkmäler" oder die "Dürftigkeit alles Parteihörigen", die den Tod jeder Kunst bedeutet, sinniert. Während Lubomirski in Russland nach eigenem Gusto Kirchen und Kaderschulen, kunsthistorische Stätten oder auch Schreckensorte der Geschichte aufsucht, die in keinem Reiseführer stehen, während er in Metaphern von morbider Faszination in der St. Petersburger Altstadt "über Straßen, in deren Schlaglöchern ein schlafendes Kind Platz finden würde", wandelt, ist in den anderen drei Reiseberichten, alle über geführte Gruppenreisen, ein Qualitätsverlust auszumachen. Dabei versucht der Autor die eingeschränkte Bewegungsfreiheit und den Sicherheitsabstand zur einheimischen Bevölkerung durch verstärktes Eintauchen in die Geschichte der Länder und ihrer Kulturdenkmäler aufzufangen, was sich zuweilen allzu detailverliebt ausnimmt und nach literarisch sublimiertem Baedekerwissen klingt.

          sg

          "Gefangene des Himmels" von Karl Lubomirski. Berenkamp-Verlag, Innsbruck 2006. 175 Seiten. Gebunden, 17,50 Euro.

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