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: Das Trauma und ein Glas Wein

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Kärnten, ach Gott. Was für ein schönes Land, welch schwieriges Terrain. Man dachte dabei einmal an Großglockner-Hochalpenstraße, Heiligenblut und Wörthersee. Es kamen einem Christine Lavant in den Sinn, die Bachmann und vielleicht Peter Handkes mitunter eigenwillige Verlautbarungen. Seit die chauvinistischen ...

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          Kärnten, ach Gott. Was für ein schönes Land, welch schwieriges Terrain. Man dachte dabei einmal an Großglockner-Hochalpenstraße, Heiligenblut und Wörthersee. Es kamen einem Christine Lavant in den Sinn, die Bachmann und vielleicht Peter Handkes mitunter eigenwillige Verlautbarungen. Seit die chauvinistischen Freiheitlichen regieren, zersetzt ein Gift aus Fremdenhass, Neid, braunen Umtrieben und kriminellen Geschäften schleichend Österreichs südlichstes Bundesland. Haider und Hypo stehen heute für Kärnten. Dem verminten Terrain nähert sich die Autorin behutsam. Einen Überblick der einschlägigen Tourismusattraktionen muss man sich also anderweitig verschaffen. Statt dessen spürt sie den Hoffnungen und Befürchtungen nach, die man im abgelegenen Lesachtal mit dem Fremdenverkehr verbindet. Die Erinnerungen der Bewohner an eine harte Vergangenheit treffen dabei auf nostalgisch verklärte Wunschvorstellungen der Urlauber. Die einen suchen das Weite vor der Enge des Landlebens, die anderen die Geborgenheit eines ländlichen Idylls auf Zeit. Es geht in dem Buch auch um uraltes Brauchtum, das in Kärnten so lebendig ist wie in keinem anderen österreichischen Bundesland. Es geht um eine überreiche Kulturgeschichte und die gegenwärtige Kulturszene. Natürlich pilgert die Autorin zum Komponierhäuschen Gustav Mahlers am Wörthersee. Es zieht sie nach Nötsch im Gailtal, um den Spuren des "Nötscher Kreises" zu folgen, der Malergruppe, die neben Schiele und Kokoschka zu den wichtigsten Begründern der modernen Malerei in Österreich gehörten. Sie erzählt außerdem vom Wein und von landestypischen Speisen. Darüber plaudert sie in Klagenfurt mit einem Verleger, dem neben dem Kochen die Übersetzung von Autoren aus Ost- und Südosteuropa eine Herzenssache ist. Spätestens jetzt kommen die Politik und alle möglichen Probleme der slowenischen Minderheit in Südkärnten doch noch ins Spiel, das Trauma Österreichs nach dem Untergang der Habsburgermonarchie, der Nationalsozialismus und die stürmische Nachkriegszeit. Die komplizierte Landesgeschichte erzählt die Autorin durchweg leichtfüßig und auf hohem Niveau. Dabei erspart sie sich jede Bemerkung über kleinkarierte Ortstafelstreitereien und die unsäglichen Umtriebe einer rechtsextremen Partei. Das macht auch eine Qualität dieses Bändchens aus.

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          "Die Kellnerin, der Heilige und die Bienenkönigin. Kärntner Melancholien" von Marlene Faro. Picus Verlag, Wien 2009. 132 Seiten. Gebunden. 14,90 Euro.

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