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: Das Milljöh der Friedhöfe

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Die Anlage eines Friedhofs ist eine komplexe logistische und anspruchsvolle gestalterische planerische Aufgabe. In der Gründerzeit forderten Bevölkerungswachstum und Verstädterung ähnlichen Aufwand für die Unterbringung der Toten wie der Lebenden - das macht auch der Blick in die Geschichte der Berliner Friedhöfe in Stahnsdorf deutlich, den Peter Hahn in seinem Entdeckerband eröffnet.

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          Die Anlage eines Friedhofs ist eine komplexe logistische und anspruchsvolle gestalterische planerische Aufgabe. In der Gründerzeit forderten Bevölkerungswachstum und Verstädterung ähnlichen Aufwand für die Unterbringung der Toten wie der Lebenden - das macht auch der Blick in die Geschichte der Berliner Friedhöfe in Stahnsdorf deutlich, den Peter Hahn in seinem Entdeckerband eröffnet. Hier wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als die Reichshauptstadt knapp zwei Millionen Einwohner und fünfzigtausend Tote unterzubringen hatte, auf hundertzehn Hektar eine letzte Bleibe für die Einwohner von Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf angelegt. Der neue Stadtteil umfasste neben Kirche und Leichenhalle etliche Kapellen, einen Wasserturm, sechs Wohnhäuser, Pumpgebäude, Rohrnetz und Bahnanschluss. Die vorhandene Landschaft wurde nach einem Wettbewerb mit etwa neunzigtausend Kiefern, Birken, Buchen, Douglasien sowie Sträuchern ergänzt und ein Wegenetz mit wechselnden Blickachsen angelegt. Auf diesem Netz nimmt Peter Hahn die Spur der Steine auf, die dem Besucher die Stadtgeschichte erschließen. Er liest die Inschriften der Grabmäler von A bis Z, von Max Adalbert, dem Darsteller des Hauptmanns von Köpenick im Jahr 1931, bis Heinrich Zille, dem zeichnenden Chronisten des Berliner Milljöh. Neben dem Südwestkirchhof werden die beiden Wilmersdorfer Waldfriedhöfe Güterfelde und Stahnsdorf einbezogen. Lagepläne und die Fotos der Eingangsanlagen sowie einzelner Monumente vermitteln den Eindruck von der architektonischen und gärtnerischen Gestaltung der Totenparks, während die übrigen Dokumente zurückblicken auf die Zeiten des Lebens. So ist beim Kapitel über den Ingenieur Conrad Matschoss nicht sein Gedenkstein mit der Eule im Zahnrad abgebildet, sondern das Schema einer Dampfmaschine, wie sie der Technikpionier in seinen Publikationen dargestellt hatte. Der Bildhauer Karl Ludwig Manzel ist mit dem von ihm gestalteten Christusmonument statt mit dem eigenen Grabmal verewigt. Vom Werk des Architekten Hans Altmann wird eine gediegene Art-déco-Fassade, vom Maler Willy Jaeckel ein sinnliches Mädchenbildnis überliefert. Bei der Sopranistin Meta Seinemeyer allerdings wird der lohnende Blick auf die elegante Jugendstilstele mit Rosenranken um das Porträtmedaillon vorgezogen. Die Wallfahrt erschließt neben Berühmtheiten wie den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau oder den Verleger Gustav Langenscheidt auch Kaufleute oder Reporter, und sie schafft die Verbindung zum Zeitgeschehen und öffnet den Zugang zur Stadtgeschichte.

          ric.

          "Berliner Friedhöfe in Stahnsdorf" von Peter Hahn. Oase Verlag, Badenweiler 2010. 348 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Broschiert, 19,80 Euro.

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