https://www.faz.net/-gqz-14n9i

: Das Berührende im Unscheinbaren

  • Aktualisiert am

Den meisten Menschen geht es gewiss nicht anders, als es anfangs Ulla Lachauer erging, wie sie in ihrem Einführungstext gesteht. Vor allem für die junge Generation haben es die Zeit und die politischen Veränderungen auf der europäischen Landkarte mit sich gebracht, dass das Memelland aus ihrem Blickfeld verschwunden ...

          1 Min.

          Den meisten Menschen geht es gewiss nicht anders, als es anfangs Ulla Lachauer erging, wie sie in ihrem Einführungstext gesteht. Vor allem für die junge Generation haben es die Zeit und die politischen Veränderungen auf der europäischen Landkarte mit sich gebracht, dass das Memelland aus ihrem Blickfeld verschwunden ist, und nur wer sich intensiv mit Geschichte beschäftigt, wird wissen, dass in der memelländischen "Hauptstadt" Tilsit 1807 jener Friede geschlossen wurde, durch den Preußen für seine tollkühnen Pläne gegen Napoleon mit einem gewaltigen Gebietsverlust bezahlte. Danach wurde es still auf diesem Stück Erde - ein Grenzland zwischen den Mächten ohne eigene Identität und ohne auffällige Reize. So gesehen erscheint es fast verwegen, dass Ulla Lachauer zusammen mit dem Fotografen Martin Rosswog ausgerechnet diesen Landstrich zum Gegenstand einer "Untersuchung" machte. Aber das Ergebnis ist faszinierend. Zunächst die Bilder: Sie zeigen eine kleine, bescheidene Welt, wie sie im gutsituierten Westen längst Vergangenheit ist, bewohnt von Menschen, die sich auf ein hartes, ärmliches Leben eingerichtet haben. Der Fotograf versucht dabei, nicht zu romantisieren, sondern dokumentiert mit kühler Distanz, und gerade deshalb erzeugt er berührend intensive Eindrücke. Dann Rosswogs Tagebuchaufzeichnungen: In einem einfachen Ton gehalten, korrespondieren sie stilgerecht mit den Fotos und verknüpfen die Schicksale diesseits und jenseits der Memel mit den nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewaltsam geschaffenen Verhältnissen. Sicher ist dieses Buch nicht jedermanns Sache, denn es ist kein Hochglanzprodukt üblicher Art, es sind keine Attraktionen zu finden, und es gibt nichts Dramatisches. Lehrreich jedoch ist es allemal, und jene, die im Memelland ein Stück Heimat erkennen, werden Text und Bild nicht ohne Wehmut wahrnehmen.

          tg

          "Menschen an der Memel" von Martin Rosswog und Ulla Lachauer. Edition Braus, Heidelberg 2009. 120 Seiten, 85 Abbildungen. Gebunden, 35 Euro.

          Weitere Themen

          Das Virus ist viral

          Intellektuelle in der Pandemie : Das Virus ist viral

          Du kannst Google nur fragen, was du schon weißt: Ein Telefongespräch zwischen dem Dramaturgen Carl Hegemann (Berlin) und dem Kulturtheoretiker Boris Groys (New York) über die Infektion des Intellekts im Internet.

          Topmeldungen

          Tourismus : Schweiz buhlt um Deutsche

          Den Eidgenossen fehlen die ausländischen Gäste, vielen Hotels droht der Konkurs. Nun wollen sie bei deutschen Touristen punkten – mit praktischen und geldwerten Angeboten.

          Neue Proteste in Amerika : „Kein Frieden ohne Gerechtigkeit“

          In Amerika gehen die Proteste mit unverminderter Kraft weiter. Drei frühere Verteidigungsminister sowie 86 weitere frühere Verteidigungspolitiker und Offiziere stellen sich derweil in einem Gastbeitrag gegen Trumps Militär-Drohung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.