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: Da sah die Welt die Folgen schon

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Namgyal Lhamo Taklha, eine Schwägerin des derzeitigen Dalai Lama, sammelt auf der Suche nach dem traditionellen, alten und authentischen Tibet lebensgeschichtliche Erzählungen von Exiltibetern. Die neun Frauenporträts, die von Nonnen über Nomadinnen und Bäuerinnen bis hin zu Adeligen reichen, entstanden ...

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          Namgyal Lhamo Taklha, eine Schwägerin des derzeitigen Dalai Lama, sammelt auf der Suche nach dem traditionellen, alten und authentischen Tibet lebensgeschichtliche Erzählungen von Exiltibetern. Die neun Frauenporträts, die von Nonnen über Nomadinnen und Bäuerinnen bis hin zu Adeligen reichen, entstanden bei Gesprächen der Autorin mit anderen Pilgerinnen beim rituellen Rundgang um den Haupttempel und Palast des Dalai Lama im indischen Dharamsala. Die Erzählungen, die mit einem leisen Anklagecharakter die chinesische Indoktrinierungsgeschichte reflektieren, dokumentieren ein verschwindendes kulturelles Erbe im Gefüge der modernen chinesischen Kultur. Sie geben Einblicke in Tibets Brauchtum wie etwa die traditionell mit Tränen einhergehenden, oft bereits im Kindesalter aufgrund astrologischer Berechnungen arrangierten Hochzeiten, Klosterkulturen, den buddhistischen Festkalender und durch die Topographie des Hochlands bedingten nomadischen Lebensentwürfe. Die chinesische Okkupationserfahrung dient als Fluchtpunkt der Erzählungen, einen allen Geschichten gemeinsamen biographischen Bruch markiert der infolge des Volksaufstands und blutiger Unruhen in Lhasa 1959 einsetzende Massenexodus von achtzigtausend Tibetern in die freie Welt. Die von Spiritualität durchdrungenen, an pastorale Idyllen erinnernden Biographien der von Bildung unverblendeten Tibeterinnen scheinen bei aller berechtigten Kritik an der Unrechtmäßigkeit der chinesischen Invasion oder der irreparablen Verluste durch die auch in Tibet wütende Kulturrevolution die traditionellen patriarchalischen Strukturen und weiblichen Tugendmodelle Tibets, die Praxis der Polygamie oder religiöse Diskriminierungsformen nur oberflächlich zu hinterfragen. Da aber das ideale, im Nachhinein verklärte vormoderne Tibet in erster Linie als Idee der Exiltibeter existiert, trägt auch diese Ethnographie nur bedingt zu einem Tibet-Bild jenseits populärer Mythen bei. Über die zuweilen redundante, bloße biographische Aneinanderreihung althergebrachter Lebenswelten und Lebenswege hinaus hätte sich der Leser - das einleitende Kapitel der Autorin ist etwas knapp geraten - eine abschließende kulturhistorische Analyse des emanzipatorischen Status quo der Töchter Tibets erwünscht.

          sg

          "Die Frauen von Tibet" von Namgyal Lhamo Taklha. Nymphenburger Verlag, München 2007. 288 Seiten. Gebunden, 19,90 Euro.

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