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: Buntes Paris

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Natürlich lebten und schrieben weit mehr als achtzig Autoren in Paris, ja, in manchen Epochen - wie in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts - war die Stadt die inoffizielle Welthauptstadt der Literatur. Doch Beschränkung tut not in einem Reiseführer, der auf 132 eng beschriebenen Seiten ...

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          Natürlich lebten und schrieben weit mehr als achtzig Autoren in Paris, ja, in manchen Epochen - wie in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts - war die Stadt die inoffizielle Welthauptstadt der Literatur. Doch Beschränkung tut not in einem Reiseführer, der auf 132 eng beschriebenen Seiten die wichtigsten biographischen Daten, knappe Anmerkungen über die in Paris entstandenen Werke und die heute noch anzutreffenden Adressen von Wohnhäusern und Lieblingslokalen benennen will. Bei soviel Stoff auf so wenig Raum ist es erstaunlich, daß es Lutz Hermann immer wieder auch gelingt, Anekdotisches, ohnehin die Würze eines solchen literarischen Stadtführers, unterzubringen. So erfährt man, daß James Joyce den engen Aufzug in seiner Wohnung auf dem Boulevard Raspail nur unter größten Angstzuständen benutzte und Joseph Roth sich im Restaurant "Le Tournon" allabendlich einen Teller Sauerkraut servieren ließ, bevor er mit einer Flasche Cognac auf sein Zimmer ging. In vielen Restaurants erinnern heute Hinweisschilder an die Anwesenheit berühmter Dichter. So kann man sich im Café "Closerie des Lilas" an den Stammplätzen von Apollinaire, Baudelaire, Gide, Hemingway und Verlaine in den Genius loci einfühlen. Praktischerweise lassen sich Lokale, Parks, Cabarets, Theater und auch Friedhöfe mit einem kleinen Register erschließen, so daß man gezielt auf die literarische Spurensuche gehen kann. Eine wunderschöne historische Karte zeigt neben einem aktuellen Stadtplan die Wohnorte und Lokalitäten. Zu alledem fördert Lutz Hermann auch wenig Bekanntes zutage. Denn wer außer ein paar Spezialisten weiß schon, daß der immerkleine Blechtrommler Oskar Matzerath in Paris erdacht wurde? Nichts erinnert im Hinterhaus Avenue d'Italie 111 daran, daß von 1956 bis 1959 der junge deutsche Bildhauer Günter Grass hier mit seiner Familie in ärmlichsten Verhältnissen hauste. Nach diesem Hinweis ist es hoch an der Zeit, daß die Pariser Stadtverwaltung den Nobelpreisträger mit einem weiteren Bronzetäfelchen ehrt.

          mab

          "Literarisches Paris. Achtzig Dichter, Schriftsteller und Philosophen. Wohnorte, Wirken und Werke" von Lutz Hermann. Verlag Jena 1800, Jena 2003. 132 Seiten, ein Faltplan. Broschiert. 14,80 Euro. ISBN 3-931911-27-6.

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