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: Bildungsreise durchs Bücherregal

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Der Titel zeugt nicht eben von Understatement: "Europäischer Romanreiseführer" nennt sich das Buch von Horst Matrong. Der Autor, "passionierter Reisender in Sachen Schauspielinszenierungen im deutschsprachigen Raum", betritt die Bühne der Reisebücher also mit Aplomb. In der Tat werden hier, wie ...

          Der Titel zeugt nicht eben von Understatement: "Europäischer Romanreiseführer" nennt sich das Buch von Horst Matrong. Der Autor, "passionierter Reisender in Sachen Schauspielinszenierungen im deutschsprachigen Raum", betritt die Bühne der Reisebücher also mit Aplomb. In der Tat werden hier, wie im Untertitel angekündigt, "Dreißig Romanhandlungsorte" vorgestellt - von Westirland (wo ein Teil von Michel Houellebecqs Roman "Elementarteilchen" spielt) bis Amsterdam, Schauplatz von Leon de Winters "Leo Kaplan". Matrong hat sein Buch plausibel strukturiert: Einer kurzen Inhaltsangabe folgt ein Zitat aus dem jeweiligen Roman, alsdann wird in der Rubrik "Spurensuche" die quasi reale Gegend mit ihrer literarischen Gestaltung abgeglichen, ehe "Am Wegesrand" touristische Sehenswürdigkeiten und Restaurants vorgestellt werden. Zweifellos: Der Autor hat gründlich recherchiert, weder E-Mail-Adressen noch Telefonnummern fehlen auf dieser Europa-Reise. Auch ist die Auswahl der Romanautoren keineswegs dem opportunistischen Wiedererkennungsprinzip geschuldet. Mit Stefan Chwins "Tod in Danzig" einmal jenseits von Grass die Stadt zu erkunden ist ebenso reizvoll, wie das belgische Ostende in der Optik von Dimitri Verhulsts kürzlich auch verfilmtem Roman "Die Beschissenheit der Dinge" zu sehen - oder Frankfurt am Main mit Wilhelm Genazinos "Regenschirm für einen Tag". Dies alles ist darüber hinaus so liebevoll mit Fotografien versehen, dass man sich beinahe scheut, das letztlich dann doch eher Fragwürdige des Buchs zu erwähnen. Aber was hilft's, wenn der konzisen Nacherzählung von Genazinos Roman als einzige Spurensuche ein Durcheilen der Gutleutstraße folgt und "Am Wegesrand" nicht nur das Goethe-Haus liegt, sondern leider auch die klischeebeladene Beflissenheit des Kultur-Dilettanten: "Am 28. August 1749 erblickte der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe in seinem Elternhaus am Hirschgraben Nr. 23 das Licht der Welt." Und so originell es ist, als Toskana-Einstieg die Lektüre der angelsächsischen Autorin Deborah Lawrenson zu nutzen, so ärgerlich ist die Platitude zu Florenz: "Die Hauptstadt der Toskana ist von großer kultureller Bedeutung." Ein ordentlich recherchierter Reise-Ratgeber ist genau dies aber noch lange nicht - gerade dann nicht, wenn er sich durch seinen ambitionierten Titel in eine angemaßte Nachbarschaft zu Spurensuchern wie Rolf Vollmann, Volker Hage oder Fritz J. Raddatz begibt.

          mart

          "Europäischer Romanreiseführer. 30 Romanhandlungsorte" von Horst Matrong. Bouvier Verlag, Bonn 2009. 175 Seiten. Broschiert, 16, 90 Euro.

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