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Berlin : Wir bauen einen Hauptbahnhof

Schwimmend... Bild: Roland Horn

Am Anfang war es ein großes Loch, mitten in Berlin: Sechzehn Meter in die Tiefe reichend entsteht unter einem Glasdach der neue Lehrter Bahnhof. Der Fotograf Roland Horn hat die Bauarbeiten mit der Kamera begleitet.

          Am Anfang war ein großes Loch, mitten in Berlin, und trotz seiner schieren Größe in der Hauptstadt nichts Besonderes. Eines von vielen Baulöchern der Nachmauerzeit, auf einer Baustelle, so groß wie eine kleine Stadt. Es erfuhr nicht mehr die Aufmerksamkeit wie etwa die Riesenbaustelle um den Reichstag oder die am Potsdamer Platz. Die gewaltige Baustelle für den künftigen Hauptbahnhof hat man nur noch ertragen. Obwohl es hier durchaus Einzigartiges zu bestaunen gab. Die Umleitung der Spree etwa, als man Platz schaffte für das Fundament und für die Tunnel, durch die einmal die Züge donnern werden. Der Berliner als solcher, dem man zu Unrecht Ignoranz unterstellt und seine, die sogenannte Berliner Schnauze fürchtet, war wahrscheinlich schon etwas erschöpft.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Wenn links unter ihm, von der Straße durchs Autofenster gesehen, plötzlich ein Taucher seinen taucherhelmbewehrten Kopf aus der schlammbraunen Spree (oder dem, was die Bauleute dort von ihr übriggelassen hatten) hob, da guckte er nur mal kurz, sagte vielleicht noch: "Na, sowas", um sich dann wieder auf das komplizierte Umleitungssystem zu konzentrieren, das sein Leben seit anderthalb Jahrzehnten bestimmt. Die Besucher einer Baustellen-Aussichtsplattform waren von anderem Schlag. Meistens sah man dort Männer, deren Leidenschaft, der Schienenverkehr, Bahnhöfe, Züge und Gleisgewirr, sie unter ihresgleichen als "Pufferküsser" beschreibt. Die wissen Bescheid. Daß hier ein ganz einmaliger Bahnhof entsteht, eine der letzten wirklich großen Ingenieursleistungen, sechzehn Meter in die Tiefe reichend, sehr viel weniger oberirdisch, aber auch dort phänomenal! Das großartige Glasdach des Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan haben sie durchaus beklatscht. Seine Verwurstung, mit einem nun längeren und einem kürzeren Ende und um fast ein Drittel seiner Länge beraubt, hat sie weniger berührt. Ästhetik ist ihre Sache nicht zuerst.

          Helden unserer Zeit
          Aber sie geraten ins Schwärmen, wenn sie sich die Einzelheiten erzählen, wie es war, als die beiden "Bügelbauten" punktgenau über das Dach geklappt wurden. Zwischen den beiden Bügelbauten, für die die Ingenieurssprache nichts Poetischeres weiß, schwingt sich quer zum Glasdach der oberirdischen Bahnsteige noch einmal eines quer nach Norden und Süden - die Bahnhofshalle gewissermaßen. Der Baukörper symbolisiert das technische Meisterwerk: Europas größten Kreuzungsbahnhof, den die Deutsche Bahn gern als "schönstes Schaufenster Deutschlands" oder "Kathedrale des Verkehrs" annonciert. Damit ist der Ärger metaphysisch umschrieben, der Ärger, den viele Berliner nur noch empfinden, wenn sie daran denken, auf was sie alles verzichten müssen, wenn sie alsbald, zwangsumgeleitet, ihren "Hauptbahnhof" benutzen werden. Auch der Zorn der Architekten geht darin unter, die sich nun vor Gericht wehren, nachdem auch noch die Decken über den Fernbahnsteigen tief unten in der Erde gewissermaßen abgehängt wurden. Statt Gewölbe nur noch Flachdach.

          Der H. M. Nelte Verlag Wiesbaden hat jetzt einen Bildband vorgelegt, der mit atemberaubenden Fotos von Roland Horn dieses Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst wie den Turmbau zu Babel feiert. Die Schweißer, die Elektriker, die Betonbauer, die Flechter, die Stemmer, Vermesser, Taucher und Kranfahrer als Helden unserer Zeit!

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