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: Ausflug zur Messestadt

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Der Reihentitel spielt auf die legendären Kunstführer des Verlags an, so bewährte wie zuverlässige Reisebegleiter, verfasst von renommierten Wissenschaftlern. Geblieben ist davon das praktische Westentaschenformat. Schon die Aufmachung bietet dagegen eine herbe Enttäuschung: Man blättert durch eine mager gegliederte, unübersichtliche Bleiwüste.

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          Der Reihentitel spielt auf die legendären Kunstführer des Verlags an, so bewährte wie zuverlässige Reisebegleiter, verfasst von renommierten Wissenschaftlern. Geblieben ist davon das praktische Westentaschenformat. Schon die Aufmachung bietet dagegen eine herbe Enttäuschung: Man blättert durch eine mager gegliederte, unübersichtliche Bleiwüste. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf den architektonischen Sehenswürdigkeiten der Stadt aus allen Epochen. Allerdings kommen die Autoren dabei über trockene deskriptive Darstellungen des Sichtbaren selten hinaus; deutende Analysen fehlen durchweg. Folglich scheitern sie auch an der erklärenden Interpretation komplexer Sakralräume. Deren durchweg reiche Ausstattung findet generell viel zu wenig Beachtung. Dabei lägen Analogien zum katholischen Pomp übrigens selbst dann auf der Hand, wenn die Verfasser die pseudosakrale Inszenierung der Übergabe von Neufahrzeugen an verzückte Automobilkäufer bei einem Hersteller ausführlich schildern. Nichts zu suchen haben in so einem Führer hingegen Bauten, die es noch gar nicht gibt (Neubau Hauptbahnhof), oder modische Strohfeuer wie die jämmerlich rekonstruierte Schrannenhalle, deren Pleite als Konsumscheune entgegen der erstaunlich euphorischen Schilderung von Anfang an abzusehen war. Man darf auch bezweifeln, ob tatsächlich Touristen nach München kommen, um ihre Zeit mit der Besichtigung von Messegebäuden oder der trostlosen neuen "Messestadt Riem" zu vergeuden. Kompetent sind die Autoren dagegen, wo es um literarische Orte oder solche von zeitgeschichtlicher Bedeutung geht. Mitunter unterlaufen ihnen dabei allerdings unnötige Wiederholungen, etwa im Fall der Feldherrnhalle. Schließlich runzelt man auch die Stirn, wenn mehrfach die konfessionelle Ausrichtung der Mitarbeiter des jüdischen Museums am Jakobsplatz thematisiert wird. Ist das für die Qualifikation oder die Tätigkeit der Wissenschaftler von Belang? Fazit: ein misslungenes Buch, das angesichts der Fülle guter Literatur über München rundweg überflüssig ist.

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          "München" von Michael und Edda Neumann-Adrian. Erschienen in der Reihe: "Reclams Städteführer Architektur und Kunst". Verlag Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009. 288 Seiten, 30 Abbildungen, zehn Pläne. Broschiert, 7,80 Euro.

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