https://www.faz.net/-gqz-15bto

: Auf einer dunklen Wüstenstraße, den kühlen Wind im Haar

  • Aktualisiert am

Natürlich war Roger Ballen übernächtigt. Es war früher Morgen, noch dämmrig. Und seine Maschine aus Johannesburg war gerade erst in Frankfurt gelandet. Aber es hatte einen anderen Grund, dass er wenig sagte, langsam sprach und fast flüsterte, als er in der Empfangshalle des Flughafenhotels seine Bildermappe öffnete und Foto für Foto auf den Tisch blätterte.

          Natürlich war Roger Ballen übernächtigt. Es war früher Morgen, noch dämmrig. Und seine Maschine aus Johannesburg war gerade erst in Frankfurt gelandet. Aber es hatte einen anderen Grund, dass er wenig sagte, langsam sprach und fast flüsterte, als er in der Empfangshalle des Flughafenhotels seine Bildermappe öffnete und Foto für Foto auf den Tisch blätterte. "Hier", sagte er und deutete mit dem Finger auf ein Stück gebogenen Drahts am unteren Rand eines der Bilder. "Verstehen Sie?", fragte er zwei, drei Abzüge später, diesmal auf eine Kritzelei an der Wand zeigend, eine Art Gesicht, jedoch ohne Augen. Aber damit lenkte er nur von der eigentlichen Geschichte ab, rückte die Ästhetik in den Vordergrund, um die Erinnerung zu verdrängen - doch letztlich lassen sich in seinem Zyklus "Boarding House" Form und Inhalt nicht voneinander trennen. Also begann er zu erzählen.

          Er sei mit dem Auto unterwegs gewesen im Nirgendwo der afrikanischen Weite, hatte die Entfernung der Strecke unterschätzt, und der Zustand der Straße war noch schlimmer als erwartet. Längst war die Nacht hereingebrochen, die Scheinwerfer seines Wagens griffen nur noch sinnlos ins Nichts. Links und rechts des Autos kaum mehr als undurchdringliche Schwärze und dann und wann am Rand der Piste ein Tierkadaver, platt und verdreht, nur noch ein Packen leblosen Fells. Da schimmerte in der Entfernung schwach das Licht eines einzelnen Hauses. Eine schiefe Baracke, ganz allein, sonst nichts. Es war das "Boarding House". Nicht eben ein Versprechen, kein Hort der Gemütlichkeit und Entspannung. Aber vielleicht ja gut genug für eine Nacht? Ballen parkte den Wagen und ging hinein.

          Ein Kind im weißen Kleidchen tanzte an ihm vorbei. An der Rezeption saß ein Affe. Ausgestopft, das Gesicht hinter einer Maske versteckt. Neben dem Empfang öffneten sich zwei Türen in einen katholisch überfrachteten Andachtsraum und in das Behandlungszimmer eines "Witch Doctor", eines Medizinmanns, vollgestopft mit Tierkörpern und Werkzeugen. Ein hell erleuchteter Korridor führte tief ins Haus, aus den Zimmern tönte mal Klatschen und Gesang, mal Stöhnen. Ballen ging den Gang hinunter, irgendwann nahm er seinen Fotoapparat aus der Tasche und knipste durch die offenen Türen. Eine Frau zeigt ihm die Drahtbügel, die sie aus den anderen Zimmern gestohlen hat, ein Mann führt ihn in den "Ghost Room", in dem früher die Leichen lagen.

          Roger Ballen kam 1981 nach Südafrika, einunddreißig Jahre alt, ein Geologe, der für die großen Minenfirmen untersuchte, wo sich das Schürfen und Bohren lohne. Später begann er zu fotografieren und blickte nun unter die Oberfläche der Gesellschaft. Anfangs fand er dafür in den Strukturen der Kolonialarchitektur eine überzeugende Metapher. Dann aber schuf er Porträts, in denen die vermeintlichen Herrenmenschen der Apartheid-Politik nur noch Fratzen waren, und inszenierte wenig später eine entsetzliche Welt voller gruseliger Gestalten in bizarren Posen. "Shadow Chamber" nannte er die Bildfolge, die in die Katakomben des Unterbewusstseins führte.

          Auch das "Boarding House" ist natürlich erfunden und Ballens Bericht großartige Schauspielerei. Aber das macht die Bilder nicht weniger schauderhaft. Denn was Ballen erzählt, trifft uns an der empfindlichsten Stelle der Seele. Er illustriert die Urangst des Reisenden, in etwas hineingezogen zu werden, aus dem es kein Entkommen mehr gibt. "Boarding House" ist eine kafkaesken Erzählung in Schwarzweißfotografien. Lockend und warnend zugleich.

          "Boarding House" von Roger Ballen. Phaidon Press, London und Berlin 2009. 128 Seiten, 67 Fotografien. Gebunden, 49,95 Euro. Eine Ausstellung mit den Arbeiten zeigt die Johnen Galerie in Berlin (Schillingstraße 31, Telefon: 030/27583030) bis zum 21. März.

          Weitere Themen

          „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Bachmannpreis und DDR : „Ick wollte Klagenfurt sehen“

          Zwischen 1986 und 1989 gab es beim Bachmannpreis vier aus der DDR stammende Gewinner. Was hatte das literarisch und politisch zu bedeuten? Ein Berliner Symposium brachte die Protagonisten von damals jetzt zusammen.

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.