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: Angespanntes Leben mit dem Feuerberg

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Wann immer der Literaturhistoriker Dieter Richter etwas über den Golf von Neapel schreibt, entstehen nicht nur Standardwerke zur Kulturgeschichte Süditaliens, sondern auch sprachliche Kunstwerke. Nach "Neapel - Biographie einer Stadt" hat sich der Autor nun dem Vesuv zugewandt, und es fällt bei der Lektüre ...

          Wann immer der Literaturhistoriker Dieter Richter etwas über den Golf von Neapel schreibt, entstehen nicht nur Standardwerke zur Kulturgeschichte Süditaliens, sondern auch sprachliche Kunstwerke. Nach "Neapel - Biographie einer Stadt" hat sich der Autor nun dem Vesuv zugewandt, und es fällt bei der Lektüre dieses Buches schwer, zu entscheiden, was bewundernswerter ist: die Fülle des recherchierten Materials oder die Eleganz, mit der komplexe naturwissenschaftliche und kulturhistorische Fakten zu einem lehrreichen Lesevergnügen zusammengefasst werden. Der Vesuv ist wegen seines geologischen Aufbaus als explosiver Schichtvulkan, vor allem aber wegen der dichten Besiedlung in der nächsten Umgebung der gefährlichste Vulkan Europas. In acht Kapiteln macht der Autor mit der Geschichte des von Mythen umwobenen Bergs vertraut, beschreibt seine Entstehungsgeschichte sowie die bedeutendsten Ausbrüche, unter denen der des Jahres 79 der folgenschwerste und berühmteste Vulkanausbruch aller Zeiten gewesen ist. Die damals verschütteten Städte Pompeji und Herculaneum gehören seit ihrer Wiederentdeckung im achtzehnten Jahrhundert zu den großen Memento-mori-Erlebnissen einer jeden Reise an den Golf von Neapel. Mehr noch als die antike Geschichte des Vulkans faszinieren Richters Ausführungen zur Vesuv-Wahrnehmung der Neuzeit. Der Ausbruch 1631 etablierte den Stadtpatron San Gennaro endgültig zum wichtigsten Heiligen Neapels. Allein das Bild der damals in einer Prozession zum brennenden Berg getragenen Blutampullen San Gennaros beschreibt ein Mysterium, das seit jeher die Bewohner Kampaniens mit ihrem Schicksalsberg verbindet. Die bis heute regelmäßig stattfindenden, mirakulösen Verflüssigungen der Blutreliquien der neapolitanischen Heiligen San Gennaro und Santa Patrizia gehören zu den vielen Geheimnissen einer Stadt, die der Autor treffend als "Magmakammern der Erinnerung" charakterisiert. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wurde der Vesuv dann weniger mystifiziert und dämonisiert als erstmals wissenschaftlich erforscht. Vor allem Sir William Hamilton, englischer Botschafter am Golf von Neapel, wurde zum Wegbereiter der modernen Vulkanologie, und 1845 wurde an den Hängen des Vesuvs als erstes Institut seiner Art weltweit das Osservatorio Vesuviano gegründet. Mittlerweile liegt der letzte Ausbruch dreiundsechzig Jahre zurück. Aber auch der schlafende Vesuv ist beunruhigend genug. Dieses Buch mit seiner schönen Bebilderung und einem großzügigen Anhang ist unentbehrlich für eine jede Reise an den Golf von Neapel.

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          "Der Vesuv - Geschichte eines Bergs" von Dieter Richter. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007. Gebunden, 24,50 Euro.

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