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: Als das Trampen noch geholfen hat

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Maiken Nielsen beleuchtet in ihrer Zeitgeiststudie der siebziger und achtziger Jahre das Trampen als Phänomen von "arbeitsskeptischen Jungreisenden mit bildungsbürgerlichem Hintergrund" in Ländern mit hoher Planungssicherheit. Im Zentrum ihrer Suche nach der auf den Landstraßen verlorenen Zeit stehen ...

          Maiken Nielsen beleuchtet in ihrer Zeitgeiststudie der siebziger und achtziger Jahre das Trampen als Phänomen von "arbeitsskeptischen Jungreisenden mit bildungsbürgerlichem Hintergrund" in Ländern mit hoher Planungssicherheit. Im Zentrum ihrer Suche nach der auf den Landstraßen verlorenen Zeit stehen zwei parallel erzählte, fiktive Anhaltergeschichten: ein Tramper-Wettstreit der Abiturienten Sine und Max, die sich an einem bestimmten Tag des nächsten Jahres in Marokko verabreden, um die Zahl der per Anhalter erreichten Hauptstädte zu vergleichen. Inmitten europäischer Metropolen und in Orten am Ende der Welt erlangen die Wirtschaftswunderkinder mit "Willen zur Rebellion" angesichts unerwarteter Wendungen, Wagenkontrollen oder Beamtenwillkür auf ihren Touren zur Zeit des Eisernen Vorhangs "grenzwertige Erfahrungen". Sie passieren ein auch im Sinne von Drogen "rauschhaftes Skandinavien", sinnieren im zerklüfteten englischen Cornwall über Mitnahmegelegenheiten des Schicksals, über Biegungen und konstante Fahrrinnen des Lebens und der Liebe, verkehren "im sexuell aufgeladenen Italien der Siebziger- und Achtzigerjahre" und hinterfragen beim "Abtauchen in eine voralphabetisierte Zeit" im Alltagsleben von Marrakesch die "universalgrammatikalischen Gesetze der Straße". Die Autorin beschreibt in eingestreuten reflexiven, psychoanalytischen Passagen den kollektiven Aufbruch als "Übersprungshandlung" und den Abenteuergeist als Grenzüberschreitung des deutschen Gemüts. In dem Tramperbrevier wechseln Gedankenspiele zur antikapitalistischen Retro-Reiseweise des Trampens und Fortbewegung per Anhalter als Kunstform und Politikum mit seichteren Anwandlungen wie den zehn "Autofahrer-Geboten"; etwa "Du kannst neben mir gern noch ein paar andere Tramper im Auto haben" oder "Du sollst nicht Julio Iglesias hören". Über die meisten Strecken aber genießt der Leser Nielsens buntbebilderte Nostalgiereise in die solidarischen Welten zu einer Zeit, als das Trampen eine nicht enden wollende Auszeit vor dem Erwachsenwerden war und die Autobahnauffahrten des Lebens noch offen und verheißungsvoll schienen.

          sg

          "Trampen. Durch die Welt mit Neugier und Glück" von Maiken Nielsen. Corso, Hamburg 2011. 112 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 19,90 Euro.

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