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Zerstrittenes Polen : Wollen wir tanzen gehen?

Polen demonstrieren gegen die Regierung. Auch sie sagen: Wir sind das Volk. Bild: dpa

Gibt es Polen der schlechten Sorte? Ist Jarosław Kaczyński der Böse? Und wogegen demonstrieren die Leute in Warschau? Eine Reise in ein zerstrittenes Land.

          Es tanzen die Verräter. Vielleicht auf Drogen, vielleicht nicht. In einer Wohnung, die einen Nachtclub spielt in dieser Nacht. Ein harter Bass kleidet die leeren Zimmer aus, rücksichtslos schlägt er durch die Körper. Vielleicht sind es nicht nur Verräter, die jetzt tanzen. Doch Kasia ist eine Verräterin. Sie ist die Polin „schlechter Sorte“, so nennen andere Polen sie, Polen, die jetzt das Land regieren. Und so nannte auch Kasias Onkel die Nichte, als er hörte, dass sie mit dem KOD sympathisiert, dem Komitee für die Verteidigung der Demokratie, einer Protestbewegung gegen die neue polnische Regierung.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kasia hat Beine, die länger sind als manche Menschen, die Lippen in Rosé gemalt, die Fingernägel auch. Sie ist Model, Studentin nebenbei. „Er ist das Böse“, sagt sie später im Hinterhof bei einer Zigarette. Kasia meint Jarosław Kaczyński. Er ist es, der erklärt, Kritiker der Regierung tragen „in ihren Genen den Verrat“, sie sind die „schlechteste Sorte Polen“. Kaczyński ist der Vorsitzende der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die seit drei Monaten regiert. In den Gesprächen dieser Nacht regiert Kritik an der Partei, Kritik an deren Chef. „Kaczyński ist das Böse“, dieser Satz kommt nicht nur aus Kasias Mund, er fällt die ganze Nacht und so oft an der Bar, dass Fremde denken könnten, Kaczyński sei ein Wodka, der Kopfschmerzen, Vergiftungen verursacht.

          Nur der Kampf spielt in Polen eine Rolle

          „Vielleicht sprechen wir heute über Politik, so wie wir früher über das neue iPhone, Musik und Drinks gesprochen haben. In jeder Nacht. In jeder Bar. So schlimm PiS aber ist, so gut ist es, dass wir Demokratie jetzt endlich diskutieren“, sagt Kasia und drückt einen letzten Zug aus ihrer Zigarette. „Seitdem ich denken kann, spielt nur der Kampf in Polen eine Rolle. Als Erstes in der Schule. Und sowieso zu Hause. Der Kampf gegen die Nazis, der Kampf gegen die Kommunisten. Demokratie aber, also das, was wir uns erkämpften, interessierte niemanden.“ Auf Kasias Stimme liegt ein Ernst, doch sie schmeißt ihn schnell weg mit dem Rest ihrer Zigarette und sagt sofort: „Wollen wir tanzen gehen?“ Natürlich gehen wir.

          Polens Geschichte, diese Geschichte vom Kampf, von fremden Mächten und vom Verrat schwebt seit meiner Ankunft über Warschau. Auch auf dem Marsch, der Kundgebung des KOD. Nach drei Stunden Schlaf schlafwandle ich in einen Bus zum Stadion Narodowy. Dort tanzen keine Menschen, sondern nur die Fahnen über Köpfen, die polnischen, die europäischen. Der Himmel weiß nicht, was er tragen soll, zieht sich zuerst Sonne an, dann wieder aus, dann wieder an, während ich jetzt verhandle um Europa, die EU herunterhandle von dreißig auf zehn Złoty. Nicht ganz Europa, nur eine dieser Fahnen, die überall verkauft werden zum Marsch.

          Warum marschieren Sie?

          War es richtig, um die EU zu handeln, jetzt, wo sie solche Probleme hat, und die Polen hier nicht feilschen um Europa? Menschen mit Fahnen und auch ohne. Es sind schon Tausende. Am Abend werden die Regierungsquellen von 15 000 sprechen, die KOD-Anhänger von 85 000. Seltsam weit stehen diese Zahlen auseinander.

          Kaczyński-kritisches Plakat auf einer Demonstration in Warschau

          Seltsam nah aneinander aber stehen jetzt die Menschen, sie schieben sich ins Zentrum Warschaus und ich mich langsam mit. Dann klopft eine fremde Hand auf meinen Arm. Ein alter Mann mit zuckerweißen Haaren setzt einen Aufkleber auf meine Jacke. Er lächelt aufständisch, ich lächle unbeholfen-überrascht. Wojtek ist siebzig Jahre alt, früher Fotograf und heute Rentner.

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