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Reinhold Messner zum Siebzigsten : Den Tod herausfordern, um ihm zu widerstehen

Die Ein-Mann-Sekte: Reinhold Messner in seinem natürlichen Lebensraum Bild: dapd

Jetzt kann er sogar den Abstieg genießen: Der Bergsteiger und Abenteurer Reinhold Messner buchstabiert zu seinem Siebzigsten den Begriff „Überleben“ neu.

          Es gibt kein Maß für Reinhold Messner. Gleich einem Solitär steht er jenseits aller anderen Bergsteiger und Abenteurer. Als Ein-Mann-Sekte hat er sich bei Gelegenheit bezeichnet. Und einigermaßen nüchtern attestiert er sich „autistische Elemente“. Was er tue, sagt er, tue er nur für sich. Und im Tun erst könne er sich erleben.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Aufgaben, die er sich dazu stellte, wagte niemand zuvor auch nur zu denken – und keiner außer ihm hätte sie zu jeweils ihrer Zeit lösen können. Man muss nur Andreas Nickels Kinofilm „Messner“ anschauen (jetzt als DVD bei Movienetfilm), um etwas von dem Wahnsinn zu begreifen, den es bedeutete, als Reinhold Messner im Sommer 1969 zwischen Frühstück und Mittagessen die tausend Meter hohe Droites- Nordwand solo durchstiegen hat, nachdem frühere Bergsteiger-Teams stets mehrere Tage gebraucht hatten. Griff, Tritt. Griff, Tritt. Ungesichert. Nur mit Steigeisen an den Füßen und Eiswerkzeug in der Hand. Wie ein Tanz sieht das aus. Eine einzige elegante, fließende Bewegung. Tausend Meter senkrecht nach oben. Als sei die Schwerkraft aufgehoben.

          Das Alterswerk?

          Es war der Beginn seines „Verzichtsalpinismus“, der Reduktion des Materials auf das absolute Minimum. Es war zugleich ein Wendepunkt in der Bergsteigerei. Und Reinhold Messner würde von nun an erst in den Alpen, dann im Himalaja und später in der Endlosigkeit von Sand-und Eiswüsten mit konsequent ausgelebter Hybris das Unmögliche möglich machen. Steiler, höher, weiter. Wenngleich, wie er sagt, es ihm nie um Rekorde gegangen sei. Ihm geht es um Erkenntnis im Grenzbereich zwischen Diesseits und Jenseits, im „Widerstand gegen den herausgeforderten Tod“, wie er Gottfried Benn zitiert. Die Todesnähe wurde bisweilen zur Sucht, und jeder Erfolg forderte in logischer Konsequenz den nächsten, größeren heraus, weshalb der Euphorie unmittelbar die Depression folgen konnte. Überlebt zu haben aber glich ihm jedes Mal einer Wiedergeburt. Todessehnsucht hingegen verspürte er nie; im Gegenteil.

          „Über Leben“ heißt sein jüngstes Buch, sein fünfzigstes ungefähr. Es erscheint zu Reinhold Messners siebzigstem Geburtstag, den er heute feiert. Es ist stiller, nachdenklicher als viele seiner anderen Bücher, auch wenn man letztlich wenig Neues erfährt. Und es hat einen milderen Ton. Wie aus der Distanz lässt Messner sein Leben Revue passieren. Die Kindheit im Villnöss-Tal und die wilden Klettereien mit seinem Bruder Günther, die Achttausenderbesteigungen und die Extremwanderungen, seine Zeit als Politiker und die Gründung seiner Museen. Zwei Unfälle – der Tod seines Bruders am Nanga Parbat und sein Sturz von der Schlossmauer, bei dem er sich das Fersenbein zertrümmert hat – gliedern den Band in drei Teile, für die er den Buchtitel jeweils neu buchstabiert: von der Aufforderung „Üb Leben“ über das handfeste „Überleben“ bis zum altersweisen „Über Leben“.

          Noch lange nicht am Ende

          Mit siebzig kleinen Kapiteln wird jede Lebensstation zugleich zum Anlass, den Grenzgang als eine Lebensweise, als seine Lebensphilosophie zu präsentieren, wenn die Erinnerungen in Auseinandersetzungen mit Mut und Angst, Instinkt und Risiko, Gott, Religion und Moral münden. Manche der Kapitel gleichen geschliffenen Vorträgen für Unternehmensführer, andere einer Plauderei, wieder andere zeigen Reinhold Messner als brillanten Erzähler. Geprägt sind sie allesamt von der Forderung nach einem von Moral befreiten, souveränen Individuum. Da ist es kein Wunder, wenn in seinem Weltbild Nietzsches Übermensch, den dieser als den sich selbst und seine Sinnsetzungen überwindenden Menschen definierte, zum Orientierungspunkt wird. Und noch in einem anderen Punkt überschneidet sich das Denken Messners mit dem des Philosophen.

          „Über Leben“ von Reinhold Messner Bilderstrecke

          Für Nietzsche verkörpert der Künstler die lebensbejahende Lebensform, die ästhetische Überwindung einer vernunftbestimmten Weltauffassung. Für Messner wird der Grenzgang zum Kunstwerk, zur Suche nach der vollendeten Komposition, nur für ihn von Bedeutung. Zugleich freilich gibt er ihm die Möglichkeit, im Moment der Lebensgefahr Einblicke in die Natur des Menschen zu gewinnen – bis hin zu jenem Moment, in dem ein fast urmenschlicher Instinkt aus ihm herausbricht und ihn jenseits all seiner früher gemachten Erfahrungen lenkt. So ist denn sein Buch auch weder Pamphlet noch Ratgeber. Man kann Messner nicht kopieren. Man kann ihn nur als Stellvertreter begreifen, der – dem mythischen Helden gleich – in Sphären vordringt, die sonst den Göttern vorbehalten sind.

          Und jetzt? Mit siebzig? In ein Schema will sich Reinhold Messner nicht pressen lassen. Noch immer nicht. Den Wert Freiheit allerdings, schreibt er am Schluss im Kapitel, „Altern“, gelte es nun neu zu interpretieren. Und unter „Leiden“ sagt er: „Ich kann dem Nutzlosen ohne schlechtes Gewissen nachgehen und jetzt im Alter den Abstieg genießen.“ Doch muss man kein ausgefinkelter Hermeneutiker sein, um zwischen den Zeilen seines Buches die Anspielungen auf ein neues, großes Projekt zu erkennen.

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