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Reinhold Messner : Auf dem Weg zum Gipfel

Ausnahmsweise mal nicht ganz oben: Reinhold Messner Bild: dpa

Reinhold Messner hat alle 14 Achttausender der Welt bestiegen, Wüsten durchwandert und zu Fuß den Südpol erreicht. Der Grenzgänger, wie er sich selbst nennt, ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Heute wird er 60.

          Reinhold Messner ist ein Phänomen. Physisch, psychisch und medizinisch sowieso. Aber auch kulturhistorisch. Denn er gewährt uns Einblick in die Entstehung des Mythos. Immer wieder unternimmt er Menschenunmögliches und löst selbstformulierte Aufgaben, die andere nicht einmal zu stellen in der Lage sind, weil sie zunächst jenseits aller Vorstellungskraft liegen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dabei hat es mitunter den Anschein, Messner stehle für die Menschen das Feuer vom Gipfel - häufiger aber erinnern seine Abenteuer an buchhalterisch konsequent erledigte Arbeiten auf dem Weg zur Unsterblichkeit. Ist er also Prometheus, oder ist er Herakles? Reinhold Messner ist bescheidener und nannte sich bei Gelegenheit Sisyphus. Nicht weil er sich als Frevler an Mensch und Göttern versteht, der ein ums andere Mal den Tod überlistet hat - sondern weil er zu keinem Ende findet. Im Sommer 1980 erlangt er nach der Rückkehr vom Mount Everest die kryptisch formulierte Erkenntnis, "daß ich den Stein, mich selbst, ein Leben lang wälzen kann, ohne je den Gipfel zu erreichen, wenn ich nicht selbst dieser Gipfel bin". Auf dem Weg zum Gipfel: Bei Messner erhält, was sonst bloß Routenbeschreibung ist, metaphysische Bedeutung.

          Selbstquälerei und Selbstverschwendung

          Zum zweiten Mal hatte er damals auf dem höchsten Punkt der Erde gestanden; diesmal allein - nach der ersten Solounternehmung überhaupt auf diesen Berg. Im Rucksack nur das Nötigste, stieg er auf, wo das Gehen "einmal mühsam, dann wieder die reinste Qual" ist, spurte sich ohne jegliche Sicherung entlang der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits seinen Pfad in den Schnee und tat wohl auch den einen oder anderen Schritt darüber hinweg. Selbstquälerei und Selbstverschwendung wurden zu Möglichkeiten der Selbstermächtigung. Es war ein Überlebenskampf, der ihn, wie er schreibt, "noch mehr zum Individualisten, vielleicht sogar Autisten gemacht" habe.

          Überlebenskämpfer: Messner auf Tour

          Unglaubliche Leistungen

          Vermutlich war "Everest Solo" die größte Leistung in der nicht eben leistungsarmen Biographie dieses Grenzgängers - ein Begriff, den Messner erfunden hat, als ihm die Vokabeln "Bergsteiger" und "Abenteurer" nicht länger adäquat erschienen. Und was hat er geleistet! Die erste Durchsteigung der viereinhalbtausend Meter hohen Rupal-Flanke des Nanga Parbat, ebenfalls dort die erste Überschreitung eines Achttausenders und ebenfalls dort die erste Alleinbegehung eines Achttausenders, die erste Begehung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät, die erste Achttausender-Doppelüberschreitung. Er hat als erster Mensch alle vierzehn Achttausender bestiegen und als zweiter den jeweils höchsten Gipfel der sieben Kontinente. Erwähnen wir noch die Längsdurchquerung Grönlands, die Querdurchquerung der Antarktis und die schier endlose Wanderung durch die Wüste Gobi, von der er erst vor wenigen Wochen zurückgekehrt ist.

          Was er geleistet hat, fordert nicht nur denen Respekt ab, die schon einer Etage wegen den Aufzug nehmen, sondern auch jenen, die selbst reichlich Achttausender in ihrem privaten Gipfelbuch stehen haben. Die Luft wird dünn in jenen Sphären, in denen Reinhold Messner sich bewegt. Und die Welt wird leer und leerer. So war sein Aushalten der Strapazen schon bald kein Wettbewerb mehr gegen andere Bergsteiger, sondern nur noch gegen sich selbst. Auf sportlicher Ebene sind seine Leistungen kaum zu messen, und so will er sie auch nicht verstanden wissen. Es geht um Höheres: um Erkenntnis. Nicht zuletzt um die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit.

          Mißerfolg gehört dazu

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