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Reihe „Mein Fenster zur Welt“ : Lasst eure Handys am Schabbat an!

  • -Aktualisiert am

Wer die Angst nicht ernst nimmt, verliert: Am Strand von Tel Aviv. Bild: Picture-Alliance

Israel ist immer im Ausnahmezustand, doch Corona ist eine ganz andere Herausforderung: Das Virus nimmt den Menschen die Nähe.

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          In meine Wohnung verliebt habe ich mich wegen des Baums vor dem Fenster. Ich glaube, es ist eine Feige, sicher bin ich mir nicht, und der sich in Botanik auskennende Freund, dem ich vor Stunden eine SMS geschickt habe, hat Zwillinge, mit denen er nur noch zehn Minuten am Tag hinausdarf; er hat wahrscheinlich anderes zu tun, als Nachrichten zu beantworten. Als ich einzog, reichte der Baum gerade so zu mir in den zweiten Stock. Bis zum Sommer nahm er schon die ganze Fensterfront ein. Es gefiel mir, wie am Morgen die Sonnenstrahlen durch die Zweige schimmerten. Es gefiel mir, wie am Abend die Blätter in der vom Meer heraufziehenden Brise raschelten. Aber vor allem gefiel mir, dass der Baum Abstand zwischen mich und die Welt brachte, dass er mir die Blicke und Stimmen und Verkehrsgeräusche Tel Avivs etwas vom Leibe hielt. Hinter dem Baum war ich vor Ablenkungen geschützt, konnte ich mich ganz aufs Schreiben konzentrieren.

          Doch je länger das Virus das tägliche Leben im Schwitzkasten hält, desto mehr wird der Schutz zu einer Barriere.

          Sarah Stricker, 1980 in Speyer geboren, lebt als Schriftstellerin in Tel Aviv. 2013 erschien ihr preisgekröntes Debüt „Fünf Kopeken“.

          In den vergangenen drei Wochen war ich vier-, vielleicht fünfmal vor der Tür, meist nachts, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen. Seit Anfang März müssen sich Israelis, die im Ausland waren, für vierzehn Tage in häusliche Quarantäne begeben. Der Mann, mit dem ich mein Leben teile, war es. Dann bekam er einen Schnupfen – keinen Husten, kein Fieber. Aber sicherheitshalber ging ich doch nicht mehr zu der sechsundneunzigjährigen Dame, die ich sonst einmal die Woche besuche. Und auch nicht mehr zu der Freundin mit dem dreijährigen Sohn, die gerade wieder schwanger werden will. Und als die Nachrichten immer mehr einem Horrorfilm zu gleichen begannen, blieb ich ganz zu Hause. Der Mann war gerade wieder genesen, da verhängte Israel eine weitgehende Ausgangssperre und verlängerte damit unsere Isolation auf unbestimmte Zeit. Seither ist meine nicht-virtuelle Welt auf das bisschen Leben zusammengeschrumpft, das sich durch die Baumkrone erkennen lässt.

          Der Flughafen war immer heilig

          Inzwischen darf man sich nur noch hundert Meter von seiner Wohnung entfernen. Die Läden sind geschlossen. Der Flugverkehr, der sonst direkt über mir hinwegzieht, ist fast komplett eingestellt – für Israel ein Tabubruch. Der Ben-Gurion-Flughafen als Tor zur Welt war immer heilig, musste offen bleiben, um jeden Preis. So still war der Himmel über mir das letzte Mal während des Krieges 2014, und selbst da wurde nur die Anflugschneise geändert, der Betrieb selbst ging weiter wie zuvor.

          Die Baustelle gegenüber ist verwaist, weil die palästinensischen Arbeiter nicht mehr herkommen können – auch das etwas, das ich nur aus Krisenzeiten kenne. Was neu ist: Nicht nur die Israelis schließen Checkpoints; zum ersten Mal schotten sich auch die Palästinenser ab. Die Autonomiebehörde lässt israelische Araber nicht mehr ins Westjordanland. Die Hamas hat Proteste am Sperrzaun verboten.

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