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Zum Tod von Otthein Rammstedt : Reichtum der Ideen

Otthein Rammstedt ist einen Tag nach seinem zweiundachtzigsten Geburtstag in Mannheim gestorben. Bild: dpa

Er edierte Georg Simmels Gesamtwerk weitgehend auf eigene Faust. Zum Tode des Soziologen Otthein Rammstedt.

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          Sein Lieblingstext von Georg Simmel, dem Otthein („Otto-Heinrich“) Rammstedt 35 Jahre seines Lebens gewidmet hat, hieß „Infelices possidentes!“, die unglücklichen Besitzenden. 1893 unter dem Pseudonym Paul Liesegang in Maximilian Hardens „Zukunft“ erschienen, nimmt das vierseitige Stück die Formulierung aus einer Ode des Horaz auf, um den „tausendfachen Bankerot an Kraft“ in der ruhelosen, von Konkurrenz und Arbeit bestimmten Gründerzeit festzuhalten. Weil sie die Großstädter völlig verbrauche, blieben für ihre Erholung nur noch die seichtesten Amüsements, leichte Musik, sexuelle Anregungen und das trostlose Bemühen, sich selbst loszuwerden.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Seinen Lieblingstext von Georg Simmel würden wir ohne die Arbeit von Otthein Rammstedt gar nie gelesen haben. Er war der erste Assistent Niklas Luhmanns, mit dem der gebürtige Dortmunder schon in den frühen sechziger Jahren an der örtlichen Sozialforschungsstelle zusammenarbeitete. Für seine Arbeit über die radikale Täuferbewegung in Münster um 1530 war er ebendort von Helmut Schelsky promoviert worden. Wer mochte, konnte die Analysen des täuferischen Kommunismus’, seine Versuche, das Ende einer Welt herbeizuführen, des alltäglichen Radikalismus’ und der „Vielweiberei“ der protestierenden Protestanten, auch als Anspielungen auf zeitgenössische Attitüden der Revolte lesen.

          Herausgabe der gesammelten Werke Georg Simmels

          Von 1968 an lehrte Rammstedt in Bielefeld, wo er zwölf Jahre später nach einer Habilitation über soziale Bewegungen Professor der Soziologie wurde. An den Theoriedebatten jener Jahre weniger interessiert, wandte er sich der Soziologiegeschichte zu, insbesondere der Frage, welche Bedeutung die Jahre zwischen 1933 und 1945 für das Fach in Deutschland hatten. Seine bleibende soziologische Großtat aber ist die Herausgabe der gesammelten Werke Georg Simmels, des ideenreichsten unter den Gründervätern des Faches.

          Rammstedt hatte in Frankfurt bei Gottfried Salomon studiert, der wiederum der einzige Promovend Simmels an der Universität Straßburg gewesen war. Aus dem Nachlass Salomons edierte er früh die Nachschrift einer Logik-Vorlesung Simmels. Ein wichtiger Impuls, sein Gesamtwerk herauszugeben, war der in den siebziger Jahren zunehmende, nicht zuletzt von Historikern beförderte, aber irrige Eindruck, Max Weber habe die einzige interessante Art von Soziologie in Deutschland begründet. Folgerichtig hatte Rammstedt auch anders als die Gesamtausgabe der Schriften und Briefe Max Webers nicht die finanzielle Rückendeckung einer Akademie oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sondern betrieb das Unternehmen weitgehend auf eigene Faust, unterstützt durch universitäre Mitarbeiter und den Suhrkamp Verlag.

          24 Bände in 33 Jahren waren eine beeindruckende Editionsleistung, die sich auf das Verfügbarmachen brauchbarer Fassungen der Texte konzentrierte, anstatt auf das Kommentieren jedes Atemzuges des Klassikers. Nicht nur die Soziologie verdankt Rammstedt damit, dass der unendliche Fonds an Anregungen, den Simmels Schriften bieten, zügig erschlossen wurde. In Mannheim ist Otthein Rammstedt jetzt, einen Tag nach seinem zweiundachtzigsten Geburtstag, gestorben. Wir sind die dankbaren felices possidentes dieses Editorenlebens.

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