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Reichspogromnacht von 1938 : Vom Ende einer Emanzipationszeit

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Ein Mahnmal an der Friedberger Anlage erinnert in Frankfurt am Main an die Reichspogromnacht. Bild: Wonge Bergmann

Die Erinnerung an die Geschichte ersetzt nicht das heutige Urteilen und Unterscheiden. Zum Handeln kann es trotzdem leicht zu spät sein. Eine Rede zum 9. November 1938.

          5 Min.

          Die Pogrome im November 1938 waren ein öffentlicher Vorgang. Durch diesen öffentlichen Charakter im Zentrum deutscher Großstädte stellten sie in gewisser Weise den sichtbarsten Teil der Gewalt dar, die später als „Judenverfolgung“, Churban, Holocaust oder Schoa einen übergeordneten Begriff erhielt. Aus historischer Sicht jedoch ist es nicht unproblematisch, in welcher Weise dieses Datum in der Erinnerungskultur der deutschen Nachkriegszeit lange Zeit auch dafür einstehen sollte, was durch Einsatztruppen, Polizeibataillone, Wehrmacht, SA und SS an Massenmorden in und außerhalb von Konzentrations- und Vernichtungslagern an Massenverbrechen verübt wurde. Denn der 9. November kann nicht als Synonym für den 27. Januar verwendet werden - für den Tag der Erinnerung an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, also als symbolische Chiffre für den Holocaust selbst.

          Dass dies lange Zeit üblich war, lässt sich wiederum selbst historisch erklären: Während der Zeit des Kalten Kriegs war es im Westen nicht populär, an die Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee zu erinnern. In Westdeutschland kam noch hinzu, dass man die nichtdeutschen Juden als Opfer des Holocausts - also den weitaus größten Teil der Holocaustopfer - lange Jahre ausblendete.

          Das Ende der deutsch-jüdischen Epoche

          Im Jahre 1938 konnten dagegen tatsächlich weder die Menschen in Deutschland noch ausländische Beobachter wissen, was bevorstand. Der Holocaust im engeren Sinne des Wortes stellt ein Geschichtsereignis dar, welches in jeder Hinsicht weit über die Verbrechen des 9. Novembers hinausgeht. Gleichzeitig gibt es natürlich eine Verbindung und Kontinuitäten: Viele derjenigen, die im November 1938 noch fliehen konnten, wurden wenige Jahre später trotzdem Opfer des Holocausts; genau wie umgekehrt viele, die im November 1938 Täter waren, später noch weitaus größere Verbrechen begehen sollten.

          Die mit dem 9. November verbundene Geschichte von Pogrom, Flucht, Vertreibung gehört noch zu jener Phase der Geschichte, die vor dem Holocaust liegt. Der Historiker Dan Diner bezeichnete sie daher als „die Katastrophe vor der Katastrophe“. Sie ist nicht identisch mit dem Holocaust, aber eine Katastrophe für die deutsche Judenheit. Der November 1938 bildet eine historische Zäsur: Sie markiert das Ende der großen deutsch-jüdischen Epoche.

          Schon vor dem 9. November 1938 hatte sich die Situation für die deutschen Juden extrem verschlechtert. Das Jahr 1938 war für die deutschen Juden ein einziges Krisenjahr. Nach dem gewaltsamen und gleichzeitig von großen Teilen der österreichischen Bevölkerung bejubelten „Anschluss“ im März 1938 spitzte sich die Lage der österreichischen Juden plötzlich zu. Als Antwort auf den von der deutschen Regierung ausgehenden Vertreibungsdruck fand im Juli 1938 die Konferenz von Evian statt. Hier diskutierten unter Federführung der Vereinigten Staaten Vertreter von 32 Nationen über die Aufnahmemöglichkeiten von aus NS-Deutschland und Österreich geflüchteten Juden.

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