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Reich-Ranickis Rede im Bundestag : Seine Worte

  • -Aktualisiert am

Der einundneunzigjährige Marcel Reich-Ranicki sprach zum offiziellen Gedenkakt an die Opfer des Holocaust. Mit seinen persönlichen Erinnerungen zog er den Bundestag in seinen Bann.

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          Die Stille, die im Gedenken liegt und die sich an diesem Freitagmorgen auch über den Bundestag senkte, wurde nur von einem Laut gestört: dem fortwährenden Klicken der Kameras, die nicht einmal während der gut halbstündigen Rede Marcel Reich-Ranickis Ruhe gaben - nicht, als sich der Saal zur Begrüßung erhob, nicht, als Marcel Reich-Ranicki, geleitet vom Hausherrn Norbert Lammert und gefolgt von Angela Merkel und Christian Wulff, an seinen Platz geführt wurde, und erst recht nicht, als sich die Abgeordneten zum Schluss in vollkommener Stille erhoben und erst nach einigen Augenblicken der Applaus einsetzte.

          Bereits am Abend zuvor, als Marcel Reich-Ranicki den „B.Z.“-Ehrenpreis für sein Lebenswerk in Empfang nahm, hatten die Kameras weniger nach den Sternchen auf dem roten Teppich gelinst als nach dem einundneunzigjährigen Herrn, dessen Würde, Charakter und Intelligenz der Gala, optisch wie inhaltlich ansonsten angelegt als Mischung zwischen Automesse und Muppet-Show, eine unmittelbar spürbare Ernsthaftigkeit und Relevanz verliehen. Der Weggefährte Hellmuth Karasek rühmte die Autobiographie „Mein Leben“ als großes Stück Zeitgeschichte und erlebter, durchlittener und erfahrener Literatur und pries die vielfältigen Talente Reich-Ranickis als Autor, Kritiker und Lehrer. Pointiert erinnerte Karasek an die letzte Ausgabe des „Literarischen Quartetts“, die auf Einladung des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau im Schloss Bellevue stattfand: Beweis, dass mit Literatur Staat zu machen ist.

          Ein bewegender Moment gelebter Geschichte

          Ein glänzend aufgelegter Reich-Ranicki scherzte zum Dank, man habe ihm gesagt, Karasek werde drei Minuten sprechen, anschließend solle er selbst zwei Minuten reden, und dann könne man getrost schlafen gehen. Dementsprechend war der wesentliche Teil des gerade erst begonnenen Abends mit seiner Ehrung auch vorbei. Nicht nur eine bunte Gala, sondern den ganzen Bundestag zog Reich-Ranicki nun in seinen Bann, als er den offiziellen Gedenkakt an die Opfer des Holocaust durch seine persönliche Erinnerung zu einem bewegenden Moment gelebter Geschichte machte.

          Mit leiser Stimme erinnerte er an den 22.Juli 1942, den Tag, als die Nationalsozialisten durch Hermann Höfle die Auslöschung des Warschauer Gettos verkündeten und der junge Marcel Reich die Sitzung beim Obmann des Judenrats Adam Czerniaków protokollieren musste. Ausgerechnet dieser Tag sollte zugleich der seiner Hochzeit mit Teofila Langnas werden. Als er Tosia, den Kosenamen seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Frau, aussprach, war die innere Bewegung des Redners im Schaltraum des politischen Deutschland deutlich zu spüren. Marcel Reich-Ranicki endete mit der nüchtern, ohne Anklage vorgebrachten Feststellung, dass die Ausweisung aus dem Warschauer Getto nur einen Zweck hatte: den Tod. Dass er uns diesen Satz nun, siebzig Jahre danach, an diesem Ort sagen konnte, ist wahrlich ein Grund, dankbar zu sein - und still.

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