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Reich-Ranicki zum Fünfundachtzigsten : „Unser liebevoller Erzieher zum Lesen“

Marcel Reich-Ranicki in der Paulskirche Bild: Wolfgang Eilmes

„Freiheit braucht Streitkultur“, sagte Richard von Weizäcker bei seiner Rede zum 85. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki über den Literaturkritiker. Reich-Ranicki wurde am Donnerstag abend mit einer Feier in der Frankfurter Paulskirche geehrt.

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          Ein glücklicher Mensch sei er nicht, aber ein höchst dankbarer, sagte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der gestern bei einem Empfang in der Frankfurter Paulskirche seinen 85.Geburtstag feierte. Zu den drei Wundern in seinem Leben, für die er dankbar sei, zählte er die Tatsache, daß er bis heute mit seiner Frau Teofila zusammen sei, sie beide den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg überlebt hätten, und daß sein Traum in Erfüllung gegangen und er ein Kritiker der deutschen Literatur in Deutschland geworden sei.

          Katharina Deschka

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesen zu feiern waren rund 800 Menschen auf Einladung der Stadt Frankfurt, des Zweiten Deutschen Fernsehens und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gekommen - Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur, darunter der hessische Ministerpräsident Roland Koch genauso wie ZDF-Intendant Markus Schächter oder Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieses Fest sei auch ein Abschiedsfest, sagte der Kritiker, der außerdem erzählte, daß er sich nach vielen Jahren nun in Frankfurt zu Hause fühle. Den sehr persönlichen Worten ließ er unterhaltsame kurze Rezensionen der Reden folgen, die soeben auf ihn gehalten worden waren.

          Millionen von Menschen hörten auf ihn

          Reich-Ranicki sei mit dem "Literarischen Quartett" zu "unserem liebevollen Erzieher zum Lesen" geworden, äußerte der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Laudatio: Millionen von Menschen hörten auf ihn. Er berichtete auch von seiner Auseinandersetzung mit dem Kritiker vor einigen Wochen im Fernsehen, der sogleich eine Versöhnung gefolgt sei. "Freiheit braucht Streitkultur", dies könne man von Reich-Ranicki lernen.

          Reich-Ranicki und seine Frau (im Rollstuhl)

          Mit den Worten, er sei ein Glück für die Literatur und die Stadt Frankfurt, begrüßte Oberbürgermeisterin Petra Roth den Kritiker. Wie liebenswert er sei, lasse sich an diesem Abend an der großen Zahl von Besuchern deutlich ablesen. Auch F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher fand bewundernde Worte: Reich-Ranicki sei ohne Zweifel der einflußreichste Kritiker in der Geschichte der deutschen Literatur geworden: "Wir lieben ihn." Doch mit seiner Bestseller-Autobiographie "Mein Leben" sei er selbst zum Schriftsteller geworden. Darin sei abzulesen, mit welch unfaßbarem Mut er immer wieder neu angefangen habe.

          „Sie haben immer über den Rand geschaut“

          Am heitersten nahm das Publikum indes die Rede von Thomas Gottschalk auf. Der ZDF-Moderator stellte sich ironisch als "Vertreter des Unterschichts-Lesers" vor: "Zwei Semester Germanistik müssen reichen." Nachdem Reich-Ranicki 1992 an seiner Sendung "Wetten, daß" teilgenommen habe, sei er dessen Fan geworden, so Gottschalk. Günter Grass habe nie an der Sendung teilnehmen wollen. "Aber Sie haben immer über den Rand geschaut."

          Er, der in diesem Land für das Leichte zuständig sei, spüre den Kritiker an seiner Seite: "Sie haben ein leises Lächeln auf den Lippen." Vielleicht haben deshalb die Studenten, die eigentlich vor der Paulskirche gegen die Studiengebühren demonstrierten, den ankommenden Kritiker geehrt: Sie sangen spontan "Happy Birthday".

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