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Reich-Ranicki wird neunzig : Er schreibt für alle - und weiß, wie es geht

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Im Kaisersaal des Römer findet Anfang März 2007 die Einweihung des Reich-Ranicki-Lehrstuhls der Universität Tel Aviv statt. Peter von Matt hält den Festvortrag Bild: Helmut Fricke

Das Spektakel der Hymnen und Verrisse wusste er zu inszenieren wie kein Anderer. Sein Instinkt für die Öffentlichkeit prägt jeden seiner Sätze. Nicht unterschätzen soll man aber seinen Sinn für Treue, gar nicht zu unterschätzen ist sein Einsatz für die Lyrik: Lob eines Kritikers.

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          Er liebte stets das deutliche Wort. Das Blatt vor dem Mund war seine Sache nie, und durch die Blume zu sprechen widerstand ihm durchaus. Vielleicht hängt das mit seinem nüchternen Verhältnis zur Pflanzenwelt zusammen. Blätter an den Bäumen bewegen ihn wenig, ob sie nun zierlich sind oder verwegen geformt. Wenn Blätter ihn bezaubern sollen, müssen sie aus Papier sein, weiß und kräftig bedruckt.

          So hält er es auch mit den Rosen. Im Palmengarten schaut er über sie hinweg; blühen sie ihm aber aus dem „Buch der Lieder“ entgegen, aus dem „West-östlichen Divan“ oder aus Rilkes „Neuen Gedichten“, dann ist er hingerissen wie nur je ein Gärtner vor der ersten Blüte einer gehätschelten Pflanze. Goethes Ausruf in den „Venezianischen Epigrammen“: „Was hat ein Gärtner zu reisen?“ gilt auch für ihn, sobald man „Gärtner“ durch „Leser“ ersetzt.

          Das deutliche Wort gilt gemeinhin für trivialer als das schwierige. Man nimmt an, es sei einfacher zu verfertigen. Ein schlichter Gedanke findet eben leicht sein schlichtes Haus. Wo die Deutlichkeit abnimmt, wächst aber nicht zwingend das Geheimnis. Auch der Quatsch kann so beginnen. Wer raunt, sei's in der Literatur, sei's in der Wissenschaft, sei's in der Kritik, versucht oft genug, sich gegen Widerreden im Voraus abzusichern. Alle Einsprüche können dann nämlich abgetan werden mit dem Satz: „Du hast mich nicht verstanden.“ Was so viel heißt wie: „Du bist meiner Tiefe nicht gewachsen.“

          Der Instinkt für die Öffentlichkeit

          Wer deutlich redet, exponiert sich. Jeder kann darauf antworten. Und hier, im kleinen Wort „jeder“, liegt der Grund für Marcel Reich-Ranickis immense Wirkung. Er wollte immer für alle schreiben, und er wusste, wie man es macht. Nie schwebten ihm die wenigen vor, die Eingeweihten, die Erlesenen, immer die vielen, immer, wagen wir das Wort, das Volk. Sein Begriff von Öffentlichkeit zielte entschlossen auf die Mehrheit. Das hat seinen politischen Akzent. Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit, einer wechselnden, immer neu sich bildenden, immer neu zu gewinnenden Mehrheit. Die wenigen Eingeweihten können vielleicht einen Tyrannen ermorden, nicht aber Mehrheiten schaffen und landesweite Abstimmungen gewinnen.

          Das Wechseln der Mehrheit ist Segen und Fluch der Demokratie, es zu verhindern das oberste Ziel jedes Diktators. Die Gewählten müssen regieren und zugleich ihre Mehrheit pflegen, behutsam, als wäre diese eine launische Ehefrau oder ein starrsinniger Gatte. Eigentlich geht das gar nicht zusammen, und das ist das Eigentliche des republikanischen Lebens. Hier entspringt die Dynamik der Öffentlichkeit. Sie ist laut, dissonant und die Basis der Freiheit. Die literarische Öffentlichkeit aber ist ein Teil davon und nicht der geringste.

          Marcel Reich-Ranickis Instinkt für die Öffentlichkeit hat jeden Satz eingefärbt, den er in seinem Leben schrieb. Durch zwei Diktaturen gegangen und haarscharf davongekommen, wusste er genau, dass auch die Freiheit der Kunst abhängt vom öffentlichen Wort, vom deutlichen Wort.

          Die Kunst der Polemik liegt offen zutage

          Der erste moderne Literaturtheoretiker Deutschlands, Lessing, hat Begriff und Praxis der bürgerlichen Öffentlichkeit in Deutschland geprägt. Und er wusste auch genau, wie man für sie schreibt, führte es vor als Erster und wurde so zum Muster für alle wirkungsstarken Kritiker, für Heine und Börne, für Nietzsche und Karl Kraus, für Kurt Tucholsky und Marcel Reich-Ranicki.

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