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Reich-Ranicki wird neunzig : Er schreibt für alle - und weiß, wie es geht

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Wer schreibt, misst sich an andern und misst sich mit andern. Und wer liest, macht das Spiel so oder anders mit, selbst wenn er keine Ahnung hat davon. Marcel Reich-Ranicki hatte davon stets mehr als eine Ahnung. Keiner durchschaute die Regeln der literarischen Öffentlichkeit so klar wie er, und keiner zog so unbekümmert alle ihre Register. Er betrieb das Zirzensische, förderte Wettbewerb und Wettstreit und nahm daran teil durch seine Kritik, die stets auf Ja oder Nein ausging. Das Sowohl-Als-auch, das zögerliche Loben mit säuerlichem Einschlag, war seine Sache nie. Er trennte die Böcke von den Schafen und wollte nichts von Zwittern wissen. Das war ärgerlich für viele, aber wohltuend für die Mehrheit. Und diese war immer sein Ziel.

Dennoch darf man ihn nicht nur von den berühmten Rezensionen in der „Zeit“ und der F.A.Z. her beurteilen, nicht nur vom Lautpegel des Bachmann-Wettbewerbs und des Literarischen Quartetts. Er hat die Macht, die er sich in der Öffentlichkeit erstritten hatte, stets auch eingesetzt für die Literatur, die er liebte und die es nicht so leicht hatte im großen Betrieb. Als die Klassiker verhöhnt wurden, hielt er ihnen grimmig die Stange. Als kein Autor Thomas Mann mehr erwähnen mochte, feierte er ihn in Reden und Aufsätzen. Man sollte seine Treue nicht unterschätzen.

Was er für die deutsche Lyrik getan hat allein durch die „Frankfurter Anthologie“, ist gar nicht zu ermessen. Gewiss liebte er die Macht, zu der ihm niemand verholfen hatte als er selbst. Aber er verwaltete sie mit Umsicht. Einerseits sicherte er sie ab durch mancherlei Feuerwerk, andererseits nutzte er sie zugunsten vieler Vergessener und vom Vergessen Bedrohter. Nichts gefährdet die literarische Kultur heute mehr als das Vergessen. Reich-Ranicki war einer der Ersten, die dies erkannten. Er sah, dass das Vergessen ein Produkt der Medien ist, und setzte zielsicher die Medien dagegen ein. Laut stritt er im Literarischen Quartett über die Romane des Tages, schmuggelte aber immer wieder einen vergessenen Klassiker in den Disput.

Von Untergängen und Erinnerung

Gewiss, auch seine scharfen Augen hatten ihre blinden Flecke. Wenn ihm etwas von Grund auf nicht behagte, kümmerten ihn die Gegenargumente wenig. Die Avantgarden zum Beispiel waren seine Sache nie. Er pries, stellvertretend für sie alle, Thomas Bernhard, aber von Dada bis zu den Konkreten, von der Wiener Gruppe bis zum Nouveau Roman lockte ihn wenig zu eingehender Beschäftigung. „Meine Bewunderung hält sich in Grenzen“, meinte er öffentlich, als Elfriede Jelinek den Nobelpreis bekam.

Auch über Hebels „Vergänglichkeit“ und Niebergalls „Datterich“ kann man mit ihm nicht reden, dafür wieder und immer wieder über Goethe, über Heine, über Fontane - alle drei berühmter als bekannt. Und bei allen dreien war er ausdauernd bemüht, die Bekanntheit dem Ruhm doch wieder etwas anzunähern.

Marcel Reich-Ranicki ist ein Mann, der viele Untergänge gesehen hat in seinem langen Leben. Daher weiß er, dass es keine Humanität gibt ohne das Gedenken. Nicht das Gericht schafft auf die Dauer Gerechtigkeit, sondern das Erinnern. In seiner Autobiographie hat er dies für die Menschen getan, die ihm teuer waren. In seiner Kritik - das Wort jetzt im weitesten Sinne gebraucht - für die ganze deutsche Literatur.

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