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Reich-Ranicki wird neunzig : Er schreibt für alle - und weiß, wie es geht

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Was Lessings Kunst der Polemik ausmacht, ist kein Geheimnis. Es liegt offen am Tag. Jeder erkennt es, der ihn liest. Es ist das Vergnügen der Leser, nichts anderes als das blanke Vergnügen des Publikums an den funkelnden Sätzen, den Argumenten, den bald subtilen, bald derben Paraden. Was die großen Kritiker so unwiderstehlich macht und ihre Opfer so schutzlos, ist, mit einem Wort, der Witz. Kein Mensch würde heute den Altphilologen Christian Adolph Klotz noch kennen, hätte ihn Lessing sich nicht zum Gegner gewählt. Kein Mensch interessiert sich heute für die Gegenstände jener Debatte, aber Lessings Streitschriften gegen Klotz gehören noch immer zu den erlesensten Genüssen, die die Literatur des achtzehnten Jahrhunderts für uns bereithält.

Marcel Reich-Ranicki wurde zum einflussreichsten Kritiker seiner Zeit, weil er der witzigste war. Tausende lasen ihn nicht nur wegen der Bücher, über die er schrieb, sondern weil er so über sie schrieb. Man las ihn, um sich ein Vergnügen zu machen, und wurde selten enttäuscht.

Frappant sind die Effekte seiner Verrisse

Das hat, zugegeben, auch eine etwas anrüchige Seite. Sie hängt zusammen mit einer anrüchigen Seite der menschlichen Natur. Wir sind nämlich so beschaffen, dass wir alle zu Schadenfreude neigen. Gerne machen wir uns einen Spaß daraus, wenn ein anderer sein Fett abbekommt, solange er dabei nicht an Leib und Leben wirklichen Schaden erleidet. Das ist nicht schön von uns, aber trotzdem angenehm. Marcel Reich-Ranickis Ruhm geht zu guten Teilen auf die frappanten Effekte seiner Verrisse zurück. Zwar hat er sich heftig dagegen gewehrt, hat noch und noch öffentlich erklärt, in seinem Leben weit mehr Autoren gerühmt und gefeiert zu haben als gebeutelt und zerpflückt. Das stimmt. Aber es nützt nichts.

Im breiten Bewusstsein ist und bleibt er der Mann der tollen Verrisse. „Lauter Verrisse“ heißt denn auch eines seiner erfolgreichsten Bücher. Vielleicht auch das bedenklichste, weil es das einmalige polemische Ereignis perpetuiert, von den zeitgenössischen Gegenstimmen abtrennt und die Betroffenen einer Art Dauertraktierung aussetzt. Der Band „Lauter Lobreden“, als Gegenmittel gemeint, fand deutlich weniger Leser. Was wieder mit der menschlichen Natur zusammenhängt.

Das Spektakel der Verrisse ist indessen weder über die Psychologie des Autors noch die problematische Beschaffenheit des Homo sapiens hinlänglich zu erhellen. Der Punkt liegt vielmehr in der Struktur der literarischen Öffentlichkeit. Zu dieser gehört nun einmal das zirzensische Element, gehört der Wettbewerb, gehören Gewinner und Verlierer. In Deutschland ist diese Aussage anstößiger als anderswo, weil hier die literarische Kultur stärker als anderswo die religiöse abgelöst und beerbt hat. Als man die Heiligen aus den Kirchen vertrieb, marschierten die Dichter durch die gegenüberliegende Tür herein, kletterten auf die Altäre und begannen, die andächtigen Leser zu segnen. Verehrung und Wettstreit schließen sich aber aus. Tatsächlich? Tatsächlich nicht.

Sein Ziel war immer die Mehrheit

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