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Regretting Motherhood : Raus mit der Muttersprache

Hat Mutter Beimer eigentlich auch einen Vornamen? Marie-Luise Marjan in ihrer Paraderolle in der „Lindenstraße“ als Mutterbild der Nation. Bild: dpa

Früher wurden Mütter verehrt, heute können sie nichts mehr richtig machen. Zwei gegensätzliche Bewegungen wehren sich gegen gesellschaftliche Erwartungen – haben die einen mehr recht als die anderen?

          Arbeite oder arbeite nicht, du wirst beides bereuen: Mit dieser Erkenntnis wird konfrontiert, wer die aktuellen Debatten über Mutterschaft verfolgt. Während die einen unter dem Schlagwort „Regretting Motherhood“ erklären, sie empfänden in der Beschäftigung mit ihren Kindern nicht einmal vorübergehend die Erfüllung ihres Lebens, beklagen andere Mütter, sie wollten gerne Hausfrauen sein, aber die Gesellschaft dulde das nicht. Losgetreten wurde die Hausfrauen-Revolution von der Bestseller-Autorin und vierfachen Mutter Alina Bronsky, die gemeinsam mit Denise Wilk jüngst die Streitschrift „Die Abschaffung der Mutter“ veröffentlicht hat. Für dieses Buch befragten die beiden andere Mütter, ein Vorgehen, das dem der qualitativen Studie „Regretting Motherhood“ der israelischen Soziologin Orna Donath nicht unähnlich ist. Doch die Bücher kommen zu gegensätzlichen Befunden. Hat eines mehr recht als das andere?

          Julia Bähr

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zumindest provozieren beide Seiten heftigen Widerspruch. Das dürfte Bronsky und Wilk gefallen, die sich für einen ganz anderen Lebensentwurf entschieden haben und diesen vehement gegen Kritiker verteidigen. „Mütter, die wiederum gern Mütter sind und das auch nicht verbergen, scheinen eine besondere Provokation zu sein“, schreiben die Autorinnen. „Sie werden noch mehr angefeindet als sogenannte ‚Rabenmütter‘; selbst Vernachlässigung wird leichter verziehen als eine enge und liebevolle Beziehung.“ Die Mütter stünden unter hohem Druck, wieder zu arbeiten; sie sollten „mal gewaltsam, mal mit Lockmitteln dort herausgeholt werden. Aber auf keinen Fall gemeinsam mit ihren Kindern. Meist bedeutet das: eine frühe Trennung der Mutter vom Kind zugunsten einer ausgedehnten Berufstätigkeit, die ein höheres Ansehen genießt als die Mutterschaft.“

          Dass eine ausgedehnte Berufstätigkeit, also eine ohne größere Lücken, auch und zuvorderst finanzielle Sicherheit für Frau und Kinder bedeutet, bleibt unerwähnt. Den Autorinnen geht es um die Frage, wie Hausfrauen gesellschaftlich gesehen werden, nicht um die Risiken ihres Lebensentwurfes. Frauen, „die sich permanent rechtfertigen müssen, wenn sie die Bedürfnisse ihres Nachwuchses ernst nehmen. Denn es sind, das steht außer Frage, wirklich verdammt viele.“

          Immer wieder die Erwartungen

          Wie kann es sein, dass Mütter so gegensätzliche Erwartungen an ihre Rolle wahrnehmen – und unter beiden leiden? Zu behaupten, Donaths Studie gelte nur für Israel, wäre zu kurz gefasst. Dort ist es zwar üblich, jung zu heiraten und früh Kinder zu bekommen, weshalb die Studie auf Deutschland nicht unmittelbar übertragbar ist. Von einer Zwanzigjährigen kann man tatsächlich viel weniger als von einer Dreißigjährigen erwarten, dass sie die Tragweite ihrer Lebensentscheidung für Kinder vorher erfasst. Aber auch hierzulande gibt es Landstriche und Milieus, in denen Frauen früh und nicht immer nach eingehender Selbstreflexion Kinder bekommen.

          In den sozialen Medien, auf Blogs und in Interviews bekannten sich etliche deutsche Frauen dazu, mit ihrer Mutterrolle unglücklich zu sein. Die meisten berichteten, sie könnten nicht oder nicht so viel wie erhofft arbeiten, und die Gründe ließen oft auf ein Leben abseits der Städte schließen: Kinderbetreuung nur bis 14 Uhr, nachmittägliche Fahrdienste zu den Sportvereinen der Kinder, zu wenig potentielle Arbeitgeber in einer Nähe zum Wohnort, die Teilzeit lohnenswert erscheinen ließe, und, immer wieder: Erwartungen.

          Wie kommt es eigentlich, dass sich alle Seiten so angegriffen fühlen?

          Erwartungen der Schwiegermutter, der Nachbarn, und die der anderen Mütter, grundsätzlich und ausschließlich selbstgebackenen Kuchen zum Schulbasar mitzubringen. Oft auch die Erwartungen der Frauen an sich selbst. Unter solchen Bedingungen klingt die Mutterschaft für beruflich ambitionierte Frauen tatsächlich wenig erstrebenswert. Das sind die Klagen, mit denen wir uns ernsthaft auseinandersetzen sollten – nicht die in einer anonymisierten israelischen Studie, die für die hiesige Debatte immerhin als Türöffner diente.

          Von Männern wird kein Instinkt erwartet

          Für viele Großstadtviertel hingegen haben Bronsky und Wilk sicher recht, wenn sie schreiben, dass Hausfrauen heutzutage schief angeschaut würden. Die Erwartungen an Mütter sind heute vor allem eine Frage des Milieus. Was in München bewundert wird, kann schon im fünfzehn Kilometer entfernten Gräfelfing für Empörung sorgen.

          Verblüffend ist, dass beide Seiten davon ausgehen, man könne die Mutter kaum entlasten. Die reuigen Mütter sehen sich häufig nicht in der Position, mehr Engagement vom Vater zu fordern. Bronsky und Wilk betonen unterdessen, wie sehr die mütterliche Bindung zum Kind durch die Schwangerschaft der väterlichen überlegen sei. Die Idee, das Kind gehöre letztlich doch mehr zur Mutter, ist verbreitet. Mütter, so die Annahme, wissen instinktiv, wie man mit Kindern umgeht, und haben Freude daran. Von Männern wird das nicht erwartet – viele Väter stoßen auf Misstrauen, wenn sie mit drei Kindern im Supermarkt einkaufen gehen, und handeln sich schon mal gutgemeinte Ratschläge älterer Damen ein. Als würde die Schwangerschaft einer Frau magische Fähigkeiten verleihen, die Männer niemals erlernen könnten. Zu Elternabenden erscheinen heute mehr Väter als früher, doch bei den Bastelstunden sind die Mütter immer noch deutlich in der Überzahl. Man könnte meinen, es seien zwei X-Chromosomen vonnöten, um Glitzerpulver auf Laternen für den Sankt-Martins-Umzug zu applizieren.

          Ein Affront gegen das eigene Familienmodell

          Doch es geht nicht nur um die Fähigkeiten, sondern auch um die Interessen. Sich tagelang nahezu ausschließlich mit kleinen Kindern zu beschäftigen – warum muss eine Mutter daraus tiefe Befriedigung ziehen, wenn es den meisten Vätern nicht gelingt? Nicht alle Frauen wollen hauptberuflich Puppenkleider nähen, auf dem Spielplatz Sandkuchen backen, mehrmals pro Tag dasselbe Buch vorlesen und sich in Dreiwortsätzen unterhalten. Auch für Kinder kochen ist eine undankbare Aufgabe, es sei denn, man hat große Freude am Frittieren.

          Eben weil Mütter nicht gottgegeben wissen, wie sie ihre Kinder am besten großziehen, wird diese Debatte harsch geführt. Müsste das Kind schon selbst mit dem Löffel essen können? Wann soll es im eigenen Bett schlafen? Braucht es mehr Freiheit oder mehr Geborgenheit? Die Unsicherheit vieler Mütter in Verbindung mit der Unterstellung, sie müssten das alles instinktiv wissen, führt zu einer hohen Empfindlichkeit gegenüber anderen Lebensentwürfen. Wenn jemand eine andere Linie vertritt, wird das nicht selten als Affront gegen das eigene Familienmodell wahrgenommen.

          Das Totschlagargument, mit dem beide Seiten nun konfrontiert werden, lautet: Das hättet ihr euch früher überlegen müssen. Allerdings wird es nicht zufällig als unvorstellbare Erfahrung beschrieben, Kinder zu haben. Einiges weiß man, vieles ahnt man nicht oder schätzt es falsch ein, ehe das Kind da ist. Das ist ganz normal und keinen Vorwurf wert. Die Frage ist, wie man den Erwartungen begegnet. Wahrscheinlich am besten mit der Überzeugung, dass glückliche Mütter die besten Mütter sind – jede auf ihre eigene Art.

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