https://www.faz.net/-gqz-8mvso

Reformationsjubiläum : Lasst uns froh und Luther sein

Wer unter den Biographien Martin Luthers, die zum Jubiläum erschienen sind, beispielsweise die sehr anschaulichen und durchdachten liest, die Willi Winkler einerseits, Lyndal Roper andererseits geschrieben haben – „Luther. Ein deutscher Rebell“ (Rowohlt Berlin) und „Der Mensch Martin Luther“ (S. Fischer) –, ließe es sich nicht einfallen, aus dem entlaufenen Mönch ein Totemtier der Achtsamkeit, des Liebseins und einer mit Wertevermittlung beschäftigten Kirche zu machen. Bei Winkler ist er ein wütender Berserker im Kampf gegen den katholischen „Erlösungskapitalismus“, in dem Religion ihren Frieden mit der heraufziehenden Moderne zu machen suchte. Konzessionen waren in Luthers Christentum nicht vorgesehen. Wenn er von Gerechtigkeit sprach, meinte er nicht Umverteilungsfragen, sondern einen Gott mit Gerichtsgewalt und die Gewissensqualen, die sich für den Einzelnen daraus ergeben.

Das ganze Leben als Buße

Bei Lyndal Roper durchlebt dieser durchaus mit Ellenbogen ausgestattete Athlet religiöser Rücksichtslosigkeit die ganze Dialektik der polemischen Situationen, in die er sich stürzte. Worüber immer Luther nachdachte, es wurde zum Konflikt. Als Konservativer skizzierte er, mit dem Rücken zur Zukunft, wie Winkler schreibt, Abrisspläne für eine ganze Welt. Als Wiederhersteller des eigentlich mit dem Christusglauben Gemeinten, als der er sich vorkam, forderte er die Zerstörung aller kollektiven Frömmigkeitsübungen. Das ganze Leben sollte Buße sein, nicht nur an bestimmten Orten, zu bestimmten Zeiten, durch darauf spezialisiertes Personal. Als der Beichtvater des Kaisers Luthers Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ las, kam es ihm vor „als hätte ihn einer mit einer Peitsche vom Kopf bis zu den Füßen gespalten“.

Gibt es einen einzigen Text des lutherbewirtschaftenden Protestantismus, von dem so etwas gesagt werden könnte? Der Katalog der religiösen Institutionen, von der Heiligenverehrung über das asketische Mönchstum und den Zölibat bis zu den Totenmessen, war für Luther eine Liste all dessen, worauf es nicht ankommt, wenn es um das Seelenheil geht. Nur darum, nicht aus Weltfrömmigkeit, Friedfertigkeit oder aus Gründen der Wertevermittlung bahnte er einer paradoxen Konfession den Weg, die aus religiösen Gründen Säkularisierung bejaht. Nichts gegen Werte und Tugenden – dass man nichts gegen sie haben kann, macht sie ja dazu. Aber dass Liebsein in den Himmel führt, wäre für Luther, der hassen konnte und vieles hassenswert fand, eine Redensart derjenigen gewesen, die er als „weiße Teufel“ bezeichnete.

Es ist darum ein merkwürdiges Schauspiel, wenn diese historische Erscheinung mit vernehmbarem Funktionärsräuspern über ihre Intoleranz, ihren Antisemitismus, ihr Wüten, aber auch sonst unter Weglassen all dessen, was sie bewegte, zum Markenzeichen erhoben wird. Der amtliche Protestantismus der Reformationsfeiern protestiert vorzugsweise gegen das, wogegen aus verständlichen Gründen so gut wie alle protestieren, die bei Verstand sind. Ein Risiko liegt darin nicht, mit Theologie hat es nichts zu tun. Wer Luther, der aus theologischen Gründen keinem Risiko auswich, für diese Gegenwart beansprucht, hat ihn darum vermutlich länger nicht gelesen. Die Zumutungen seiner Biographie wie seiner Theologie sind bei starkem Markeninteresse offenbar zu groß, um sich dem Abgrund zu stellen, der unsere Zeit von ihm trennt. Mit viel größerem Recht könnte die FDP Gedenkfeiern für Karl Marx und die katholische Kirche solche für Dostojewski ausrichten als die evangelische für Luther.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ministerpräsident Bodo Ramelow vor einer Regierungserklärung im Thüringer Landtag.

Thüringen plant Lockerungen : Mutig oder falsch?

Die Pläne der Thüringer Landesregierung, den allgemeinen Lockdown wegen der Corona-Pandemie vom 6. Juni an aufzuheben, stößt nicht nur bei Gesundheitsexperten auf scharfe Kritik. Doch in der Bevölkerung erfährt Bodo Ramelows Vorstoß auch Zustimmung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.