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Gesangbuch-Reform : Nur leere Kirchen haben keine Lieder

Da sitzt jeder Ton, und am Text wird auch nicht gedeutelt: Die Knaben vom Thomanerchor singen mit Passion. Seit dem Jahr 1212 geht das so. Bild: Picture-Alliance

Flotte Rhythmen, etwas zum Mitklatschen: Eine Gesangbuch-Reform soll der evangelischen Kirche aus der Krise helfen. Bisher aber hat man mit Sakralpop noch nie neue und jüngere Gläubige gewonnen.

          Kurz vor dem Reformationsjubiläum steckt die evangelische Kirche in einer Krise. Die Mitgliederzahlen sind seit Jahren rückläufig, die Gottesdienste vielerorts halbleer. Prozesse der gemeindeübergreifenden Regionalisierung und der landeskirchlichen Fusionierung, die im Falle der Nordkirche eine neue Flächenstruktur hervorgebracht hat, stellen die Kirchenträger vor gewaltige Herausforderungen. „Synergieeffekte“ sind gefragt, „Leuchtturmkirchen“ und „Profilgemeinden“ sollen den Weg aus der Krise weisen – wodurch kleinere Kirchen am Ort noch mehr an Sichtbarkeit zu verlieren drohen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Einerseits ist der religiöse Fanatismus ein stehendes Thema der Gesellschaft. Andererseits schwindet Religiosität, ja, sogar die schlichte Kenntnis von Religion, zunehmend aus dem Bewusstsein. In institutionalisierter Form haftet ihr besonders im Falle der evangelischen Kirche häufig etwas Altbackenes an, das die Kirchgänger aus Sicht der Jüngeren zu einer äußerst „uncoolen“ Gruppierung macht und in den Augen jener Älteren, die nicht ohnehin in der Kirche aktiv sind, bestenfalls zu Schulterzucken führt. Was also tun, wenn die Kirche nicht eines Tages vollends ihre Existenzberechtigung verlieren will?

          Brückenbauer zwischen Kirche und Welt

          Große Hoffnung wird derzeit auf die Erneuerung des Evangelischen Gesangbuches gesetzt, das in seiner jetzigen Fassung seit 1993 verwendet wird. Was die Bibellektüre nicht mehr erfüllt, soll die Kirchenmusik übernehmen: Das Gesangbuch erscheint in dieser Vision als Brückenbauer zwischen Kirche und Welt. Doch muss sich das Kirchenlied dafür nicht grundlegend ändern? Die Zeit für eine Reform scheint günstig: Eine Revision der Perikopenordnung, in der die gottesdienstlichen Lesungen zusammengestellt werden, ist geplant, das Erscheinen der neuen Lutherbibel steht kurz bevor. Es bewegt sich also etwas. Vielleicht.

          Im Auftrag der Liturgischen Konferenz lässt die Abteilung für Religions- und Kirchensoziologie der Universität Leipzig zurzeit untersuchen, auf welche Weise das aktuelle Evangelische Gesangbuch von Gemeindemitgliedern, Pfarrern, Kirchenmusikern und Prädikanten benutzt wird. Erste Teilergebnisse der Rezeptionsstudie wurden nun veröffentlicht. Vorab werden von den Wissenschaftlern Yvonne Jaeckel und Gert Pickel sowohl Inhalt wie Methode der Studie erläutert und die Zahlen präsentiert. Dieser Text, das sollte vielleicht vorweg gesagt werden, ist in sprachlicher und analytischer Hinsicht von so erstaunlich miserabler Qualität, dass man sich fragt, wie er überhaupt publiziert werden konnte. Dennoch lohnt ein Blick auf die Zahlen sowie auf die anschließenden Expertenanalysen, wie sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Liturgie und Kultur“ versammelt sind.

          Traditionsabbruch in den jüngeren Generationen

          Insgesamt stellen die Autoren einen „Traditionsabbruch in jüngeren Generationen“ fest, was sich laut Studie allein schon in der stark gesunkenen Kenntnis von Kirchenliedern zeigt – wohlgemerkt unter Gemeindemitgliedern; „Konfessionslose oder Kirchenferne“ wurden für diese Untersuchung gar nicht erst befragt. Während in der Altersgruppe ab fünfundsechzig mehr als 70 Prozent der Aussage zustimmen, dass sie viele Kirchenlieder kennen, sind es bei den Jüngeren, unter achtzehn, nur noch 38,4 Prozent. Da das Gesangbuch immer weniger als Hausbuch in Gebrauch sei und in Schulen beinahe keine Verwendung finde, verliere es seine Wirkung als „Identitätsanker“.

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