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Vor der Entscheidung : Die spinnen absolut nicht, die Schotten

Möchte Europa wirklich den Fehler der Elitenarroganz wiederholen, den schon Westminister gegenüber den Schotten beging? Will es sich, wie einst George III. gegenüber Amerika und David Cameron seit Jahren, „erstaunt über die rebellische Haltung“ zeigen, „die unglücklicherweise in meinen Kolonien herrscht“? Dasselbe Europa – einschließlich Großbritanniens, Spaniens und Deutschlands –, das auf dem Balkan Krieg führte, um dort den Separatismus neuer Nationen zu verteidigen und zu ermöglichen? Wer jetzt, wie eine Kolumnistin der „Welt“, den Schotten vorhält, sie nervten, was sie denn wollten, es gehe ihnen doch gut, und gebe es denn nicht Wichtigeres als ihre Unabhängigkeit, der lässt den mindesten politischen Anstand vermissen. Es werden die Schotten noch selbst entscheiden dürfen, was für sie wichtig ist.

Dass die „Yes“-Bewegung so viel Zulauf erhielt, lag ja daran, dass den Leuten ständig weisgemacht wurde, über alles, was ihnen wichtig ist, sei längst anderswo, auf dem Finanzmarkt oder in Brüssel, bei der OECD oder im Weißen Haus und zwar richtig, weil alternativlos entschieden worden. „Downing Street No. 10“ ist für viele Schotten nur die nächste Adresse für denselben Protest. Wenn irgendwo, dann meldete sich hier die schottische Mentalität. Angesichts der Redensarten aus London werden, so scheint es, riskante Entscheidungen selbst für ein Volk eher solider Einstellungen attraktiv – solange es sich eben nur um die eigenen Entscheidungen handelt.

Angst vor der Armut

Doch während in vielen europäischen Ländern der Qualitätsverlust der traditionellen Parteien die Protestwähler derzeit nach rechts treibt, verhält es sich mit den schottischen Nationalisten anders. Die SNP ist proeuropäisch, hat Länder wie Norwegen zum Vorbild, will Nuklearraketen sowie die Kernenergie loswerden und ähnelt unter allen deutschen Parteien am meisten den Grünen.

Am Risiko der Autonomie allerdings ändern auch die vielen sympathischen Züge dieser Separatisten nichts. Ihr Parteiführer, Alex Salmond, hat weder einen Verfassungsentwurf für Schottland präsentiert, noch verfügt er über besonders klare Pläne, was die künftige schottische Währung angeht. Ein unabhängiges Land würde auch diesseits der Europafrage vor einer Masse sehr konkreter Probleme stehen.

Um die 800000 Schotten leben in England, um die 400000 andere Briten in Schottland, beide würden über Nacht zu Ausländern. Überall, wo vorher dieselben Gesetze galten, müssten neue geschaffen werden. Unbürokratisch wird die Autonomie jedenfalls nicht werden. Und welche Wirtschaft das selbständige Schottland finanzieren soll, ist auch nicht ausgemacht. Das unselbständige ist Transferempfänger des Königreichs. Fiskalische Souveränität schön und gut, aber besteuern kann man nur, was da ist.

Leicht möglich also, dass Streecks demokratisch handlungsfähiger Sozialstaat ein vergleichsweise bescheidenes Gebilde wäre, in dem eher die Knappheit als der Reichtum umverteilt würde. Das spricht noch nicht gegen die politische Autonomie Schottlands, aber es nennt das wichtigste Motiv der schottischen Neinsager.

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