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Vor der Entscheidung : Die spinnen absolut nicht, die Schotten

Solche Rückfragen von Historikern wie Kim Christian Priemel, Laura Rischbieter und Werner Plumpe sind nicht von der Hand zu weisen. Ob es Regierungen als „Zweckbündnis aus konservativen Nationalstaatsbefürwortern und linken Globalisierungskritikern“ (Priemel) geben kann, steht auch dahin.

Schottland wäre das Experiment. Es soll, wenn es nach den Anhängern der Scottish National Party (SNP) geht, dann genau so regiert werden. In Schottland gibt es schon jetzt praktisch keine Tories. Es gibt kaum private Schulen, seit 2004 keine privaten Krankenhäuser, kostenlose Altenpflege, für Landeskinder gebührenfreie Universitäten. Insofern sind die Anhänger der SNP Streeckianer. Ihr Autonomiebegehren hat nichts mit überschießenden Gefühlen historischer „Identität“ zu tun. Sie sind weder xenophob noch kiltophil.

Nein zu England, ja zur EU?

Berichte über das schottische Referendum, die mit Bravehearts bei seltsamen Sportarten illustriert werden, suggerieren uns, dort oben lebten Leute, die Politik aus dem Geist der Folklore machen wollen. Aber die Epoche, auf die sie sich beziehen, liegt in der jüngsten Moderne, kurz vor 1979. Im Katechismus der Unabhängigkeit, der dem 650-seitigen Programm „Scotland’s Future“ der SNP beigegeben ist, handeln die ersten zweihundert Fragen ausschließlich von Wirtschaft, Steuern, Renten, Krankenversicherung, Energieversorgung. Trockener geht es kaum.

Will man den schottischen „Yes“-Wählern also eine Nostalgie nachsagen, dann dieselbe, die auch Streeck bewegt. Nach Erfahrungen mit Sozialdemokraten schottischer Herkunft (Blair aus Edinburgh, Gordon Brown aus Glasgow) hilft in ihren Augen nur noch eine Neugründung im Geist der guten Jahre des Wohlfahrtsstaates. Das erklärt, wie viel sie auch als souveräner Staat von dem behalten wollen, was sie im Vereinigten Königreich hatten: das Pfund, die BBC, die Mitgliedschaft in der Nato und die in der EU.

Den Befürwortern der schottischen Autonomie leuchtet darum nicht ein, warum ihr Austritt aus der Union mit England verheerender sein sollte als Englands mögliche Abwendung von der EU. Sagen die Schotten „nein“ zur Unabhängigkeit, mögen sie sich, sofern die Tories die nächsten britischen Wahlen gewinnen, zusammen mit England und überstimmt durch dessen Mehrheit, bald außerhalb der EU befinden. Sagen sie „ja“ zur Unabhängigkeit, müsste Schottland einen Aufnahmeantrag in die EU stellen.

Die Leute wollen selbst entscheiden

Würde Spanien dem, mit Blick auf seine eigenen Separatisten, zustimmen? Wenn den Schotten aus Brüssel und Madrid mitgeteilt wird, der Beitrittsprozess eines unabhängigen Schottland werde lange dauern, ist das bezeichnend. Was ist nicht alles unter Zudrücken beider Augen in die EU aufgenommen worden! Denen aber, die soeben noch lupenreine Europäer waren, kündigt man das Wartezimmer an, nur weil sie unabhängig von einem Land sein wollen, das ständig mit dem EU-Austritt spielt?

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