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Red Hot Chili Peppers : Auf Deutschland-Tour: Die Kalifen von Kalifornien

  • -Aktualisiert am

John Frusciante und Anthony Kiedis in der Dortmunder Westfalenhalle Bild: dpa

Sie können aber auch nicht aufhören, den Rock neu zu erfinden: Die Red Hot Chili Peppers haben in Dortmund mehr als nur ein gutes Konzert hingelegt.

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          Rockkonzerte besucht man üblicherweise nicht, um Neues zu erfahren. Man geht vielmehr hin, um sich den Eindruck bestätigen zu lassen, den man über CD oder Video gewonnen hat. Diese Erkenntnis ist nicht neu, doch es schadet nichts, sie gelegentlich in Erinnerung zu rufen, die Rituale des Geschäfts mit dem Rock und die Unerbittlichkeit, mit der sie exekutiert werden. Nun zählen Klagen von Künstlern über Repressionen seitens der Industrie seit je zur Folklore dieser Musik, sie sind nicht unbedingt ernst zu nehmen: Schließlich ist niemand gezwungen, Rockmusiker zu werden, reich und berühmt.

          Interessanter scheint da schon, wie die Darsteller des Rock über die Jahrzehnte versucht haben, ihrem Tun immer neue Bedeutung zu geben - wohl auch, um dem lähmenden Eindruck des Musizierens im Laufrad der Verwertung zu entkommen. So sind in den Rockarenen die Shows entstanden, mit Feuerwerk, Videoinstallationen, aufblasbaren Riesenpuppen und Plastikschweinen, die durch die Luft fliegen. Wenn es schon nichts Neues zu hören gibt, dann wenigstens etwas zu sehen. Doch da das Rockgeschäft prinzipiell auf heftige Erregung und schnellen Verbrauch angelegt ist, hat sich auch die Anfangssensation des Visuellen bald verbraucht. Geblieben ist der Eindruck, daß Rockkonzerte sterbenslangweilig sein können - vor allem für die Musiker. Da sind sie monatelang auf Tournee und müssen doch jeden Abend dieselben Lieder spielen. Von der hellen Bühne schauen sie ins Dunkel der Masse und erkennen im Spiegel der Jubelreflexe nichts. Es kann nicht verwundern, daß vielen Rockmusikern zu ihrem Publikum nicht mehr einfällt als "Hallo, Deutschland!"

          Musikalisches Paralleluniversum

          Anthony Kiedis grunzt die Worte heraus, als das Konzert schon zur Hälfte vorbei ist. Es ist das erste Mal, daß er an diesem Abend spricht. Vielleicht hätte er "Hallo, Libyen" sagen sollen oder "Seid gegrüßt, Kubaner". Eine solche Überraschung hätte den Deutschland-Tournee-Start der "Red Hot Chili Peppers" aus Kalifornien in der brechend vollen Dortmunder Westfalenhalle womöglich ganz unmittelbar in die Gegenwart überführt. Doch genau darum ging es an diesem Abend nicht. Auf der Bühne nicht, erst recht nicht im Publikum. Seit dem Durchbruch Anfang der Neunziger spielt das Quartett in einer eigenen Umlaufbahn: musikalisch, was schon sensationell genug ist, aber auch im Selbstverständnis zwischen Industrie-Anforderung und Fan-Erwartung. Von der Welt als Paralleluniversum haben die Musiker ganz grundsätzlich auf ihrem großen Album "Californication" (1999) gesungen. Jeder Song darauf ist ein Manifest: Wir sind anderes. Und ihr, die ihr zuhört, seid es auch.

          Die "Red Hot Chili Peppers" haben ihrem Credo inzwischen einen soliden Soundtrack-Teppich geknüpft: Da donnern hektische Funk-Bässe gegen ätherische Chorkantilenen, schießen schwermetallische Schlagzeugkanonaden auf die süßesten Harmonien des Pop, fordern aggressive Rap-Litaneien selbstgenügsam schaukelnde Reggae-Muster heraus. Inzwischen mag manches aus dem Bastelkasten der Band schräg um seiner selbst willen tönen, doch langweilig klingt es nie.

          Hier ist Rock

          Wie mit ihnen "Nirvana" wurden die Kalifornier zu Ikonen einer Alternativbewegung im Rock, die sich wohl vor allem deshalb gebildet hatte, weil es sonst nicht mehr viel gab, womit man sich vom vereinnahmenden Gestus des "zeitgemäß erwachsenen Rock" absetzen könnte. "Nirvana" gibt es nicht mehr, die "Red Hot Chili Peppers" stehen heute allein. Ihr Glück ist es gewiß auch, daß die Zeiten nicht besser geworden sind. Mittlerweile haben die Musiker selbst ihre Vierziger erreicht, doch im Dortmunder Konzert führen sie wie selbstverständlich auch den Beweis, daß Jahre im Verjüngungsstahlklangbad nach nichts zählen müssen. "Standing in line / to see the show tonight / and there's a light on", lauten die ersten Worte auf der jüngst veröffentlichten Platte und im Konzert: "By the Way".

          Hier ist Rock, nirgendwo sonst. Das ist auch für jene zu erkennen, die im zuletzt fast übermächtigen Sog von Deutschlands Suche nach dem Superstar wie Ertrinkende nach Luft schnappen. Beim Auftritt der "Red Hot Chili Peppers" ist alles, was zu hören ist, auch zu sehen. Es gibt keine Tricks, keine spanischen Wände oder doppelte Böden. Nur Sex und Schweiß und Rock 'n' Roll. Die Showelemente des Auftritts beschränken sich auf zwei rotierende metallene Säulen an den Bühnenrändern, deren Oberfläche von geometrischen Mustern durchbrochen ist. Daraus bricht bisweilen gleißend helles Licht - als heißer Hauch von Halloween. Eine gefährliche Lust an Leidenschaft bestimmt das Klima des Konzerts. Über das Podium ist eine viergeteilte Leinwand gespannt, einmal räkelt sich darauf eine Nackte ("delicate and wild", lautet die Liedzeile dazu), bei anderer Gelegenheit stürmt ein Büffel über die Prärie und reißt die übrige Herde mit, und dann rasen alle durch die nächtliche Großstadt. Es ist gewiß nicht so, daß die Band plakative Symbolik grundsätzlich ablehnen würde, doch hier scheint es weniger banal als bei vielen anderen Rockinszenierungen.

          Das liegt daran, daß man den ganzen Abend lang auf die Musiker konzentriert ist. Das über unablässig treibenden Rhythmen von Baß und Schlagzeug musikalisierte Toben ist Ausweis einer Lebendigkeit, die mitreißt. Das Konzert stößt eine Energie aus, die in der schweren Hallenluft mit Händen zu greifen ist. Selten war ein Publikum zu erleben, das mit solch lauter Ergriffenheit jede einzelne Liedzeile mitgesungen hätte: "Ich bin der Regenbogen in deiner Gefängniszelle". So ist es wohl wirklich für zwei Stunden. Dadurch erhält die in der heiklen Hallenakustik fabelhaft physisch ausgesteuerte Musik eine Dimension, die sie hoch über die eigentlichen Lieder erhebt - die meisten stammen von den beiden zuletzt erschienenen Platten. Näher als an diesem Abend kann ein Konzert der ewigen Sehnsucht nach Wirklichkeit im Rock kaum kommen.

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