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Rechtsruck in Polen : Die hohe Kunst, ein Pferd zu besteigen

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Hier bewundert Polens Kulturminister Piotr Glinski noch eine nackte Büste. Ein kopulierendes Paar in einer Jelinek-Inszenierung war ihm aber zu viel. Bild: dpa

Der Rechtsruck in der polnischen Politik wirkt sich immer stärker auf das Kulturleben aus. Das entfacht aber auch immer heftigeren Widerstand bei Künstlern und Intellektuellen.

          Die Entwicklung verläuft so rasant, dass Dinge, die dabei den Anfang machten, aus heutiger Sicht beinahe unwichtig wirken. Und dennoch muss man an sie erinnern, um die Prozesse zu begreifen. Es begann nämlich mit dem Versuch des neuen Kulturministers Piotr Glinski, eine Breslauer Aufführung von Elfriede Jelineks Theaterstück „Der Tod und das Mädchen“ zu verbieten. Die Inszenierung, in der ein kopulierendes Paar auf der Bühne vorgesehen war, verstoße gegen die Prinzipien des gesellschaftlichen Zusammenlebens, befand der Minister noch vor der für Ende November geplanten Premiere. Daraufhin warf ihm der Theaterdirektor Krzysztof Mieszkowski einen beispiellosen Zensurversuch vor und verlangte Glinskis Rücktritt.

          Ein unheilvoller Dominoeffekt

          Der Vorfall hatte, wie es damals schien, ein nur kurzes, undramatisches Nachspiel: Die Premiere fand statt, und der Minister blieb auf seinem Posten. Doch der Schein trog. Denn seither zeichnet sich in der polnischen Kulturszene immer mehr ein Zustand ab, den die Betroffenen selbst als Dominoeffekt oder Lauffeuer bezeichnen würden, hätten sie nicht mit einem Gegner zu tun, dessen Zerstörungswut sie eher an Vokabeln wie Dampfwalze, Hammer oder Keule denken lässt. Will heißen: Die Antwort auf den Regierungsstil der neuen Machthaber ist nicht nur ein wachsender Widerstand in der Bevölkerung, der sich in immer zahlreicheren Demonstrationen manifestiert, sondern auch die zunehmende Wut von Künstlern, Schriftstellern und, nach dem neuen Mediengesetz, von Journalisten, die ihre schöpferische Freiheit und ihre Arbeitsbedingungen in Gefahr sehen.

          Dass es ausgerechnet eine Theateraufführung war, die den Zensurgelüsten des Kulturministers zum Opfer fiel, war freilich, so paradox es klingt, möglicherweise das Beste, was der polnischen Gesellschaft hätte passieren können – nach dem Motto: Wo eine deutliche zeithistorische Parallele vorliegt, da schlagen die Alarmglocken am lautesten. Denn genau diese Wirkung hatte die fatale Breslauer Theater-Episode. Unter den Polen älterer Jahrgänge gibt es nämlich genug Menschen, die sich an die Ereignisse von 1968/69 erinnern: eine Zeit, in der eine Kommunisten-Clique um Innenminister Mieczyslaw Moczar, die nach eigenem Empfinden viel zu lange gezwungen gewesen war, sich mit zweitrangigen Posten zu begnügen, nach den Spitzenpositionen griff. Dabei wusste sie genau, dass es in der damaligen angespannten Atmosphäre nur eines kleinen Funkens bedurfte, um den unterdrückten Volkszorn zu entflammen.

          Wiederholt sich die Geschichte?

          Dieser Funke war die Absetzung einer Inszenierung am Warschauer Nationaltheater: Seit Ende November 1967 wurde dort das Drama „Totenfeier“ des Nationaldichters Adam Mickiewicz aufgeführt, ein symbolträchtiges Meisterwerk der polnischen Romantik, das vor dem Hintergrund des von den Russen niedergeschlagenen „Novemberaufstands“ (1830) spielt. Die Inszenierung wurde, angeblich auf persönliche Anordnung des Ersten Parteisekretärs Wladyslaw Gomulka hin, für antisowjetisch erklärt und im Januar 1968 vom Spielplan genommen. Dies rief sofort eine Welle von heftigen Protesten hervor: Der Polnische Schriftstellerverband versammelte sich zu einer Sondersitzung, um gegen die Eingriffe der Zensur, das Verfälschen der Geschichte und das Behindern der Weiterentwicklung der polnischen Kultur zu protestieren. Und die Straßen polnischer Städte wurden zum Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am heftigsten waren die Reaktionen der Studenten, gegen die das Regime auch am schärfsten vorging. Als dann in den Medien die Namen einiger jüdischer Studentenanführer auftauchten, reagierten die „Moczaristen“ sofort, indem sie die schlimmste antisemitische Hetze der Nachkriegszeit in Gang setzen, infolge deren Tausende das Land verließen.

          Auch der jetzigen PiS-Regierung wird dieses Gefühl, viel zu lange auf dem Abstellgleis gewesen zu sein, attestiert und ein daraus erwachsenes Bedürfnis nach Rache und Zerstörung vorgeworfen. Und auch ihr Agieren bringt jetzt schon manchen Kulturschaffenden dazu, wenn nicht Ausreisepläne zu schmieden, dann zumindest geplante Projekte zu überdenken. Etwa den Krakauer Star-Theaterregisseur Krystian Lupa, der auf eine für Breslau geplante Inszenierung sofort verzichtete und in einem höchst emotionalen Interview den Regierenden eine unmissverständliche Absage erteilte: „Diese Menschen sind im Grunde lebendige Leichen“, ereiferte er sich. „Nach acht Jahren in der Opposition haben sie so viel Gift in sich, sind so auf das ihnen angeblich angetane Unrecht konzentriert, dass sie es nicht vermögen, sich auf ein Gespräch einzulassen oder eine andere Meinung anzuhören.“ Der Breslauer Theaterzensur-Versuch hat in seinen Augen aber auch eine gute Seite: Die PiS-Leute hätten sich wenigstens schnell demaskiert: „Es ist nicht so wie bei Orbán, der im richtigen Moment das Pferd bestiegen hat. Sie sind von ihrem Pferd vor acht Jahren gefallen, und derzeit tun sie alles, um zu zeigen, dass sie wieder aufsteigen können. Nur nehmen sie dazu einen so heftigen Anlauf, dass sie gleich auf der anderen Seite des Pferdes landen werden.“

          Ähnlich sehen das offenbar viele Kulturschaffende, auch wenn mancher sich darauf einstellt, dass die PiS-Ära noch eine ganze Weile dauern wird. So die Bestsellerautorin Maria Nurowska, die in der „Gazeta Wyborcza“ einen offenen Brief an Jaroslaw Kaczynski publizierte. „Ich bitte Sie“, schrieb sie, „in Ihrem zerstörerischen Eifer innezuhalten. Wenn Sie die höchsten Autoritäten mit Füßen treten, tun Sie dem Land unrecht, aber auch sich selbst, denn in vier Jahren wird die PiS die Wahlen verlieren und, um die Worte eines Dichters zu paraphrasieren, von ihr bleiben nur Eisenschrott und das dumpfe, spöttische Gelächter der Generationen.“ Mit dem Dichter meinte sie Tadeusz Borowski, der sich 1951 das Leben nahm.

          Pawel Pawlikowskis oscar-prämierter Film „Ida“ steht für das Kino, dass im neuen Polen keinen Platz haben soll.

          Parallelen zum Kommunismus

          An die kommunistische Zeit fühlen sich auch manche Filmemacher erinnert: Agnieszka Holland etwa, die vor kurzem feststellte: „Diese Demontage eines demokratischen Rechtsstaates ist wie eine Ohrfeige für die, die den Geist der Volkrepublik vergessen wollten. Denn jetzt siegt in Polen genau dieser Geist. Es kann sein, dass Kaczynski sich als eine Art Pilsudski sieht – in Wirklichkeit aber spricht er die Sprache Gomulkas und Moczars.“ Oder Pawel Pawlikowski, dessen oscar-prämierter Film „Ida“ plötzlich jenes Kino symbolisiert, das die neuen Machthaber weder sehen noch finanzieren wollen: „Jetzt werden im Auftrag der Regierung Filme entstehen, die die einzig richtige Vision Polens propagieren“, prophezeit Pawlikowski, den diese Perspektive allerdings mehr erheitert als erschreckt: „Es ist amüsant, dass die neue Regierung dem Kino so viel Bedeutung beimisst, genauso wie einst die Kommunisten.“

          Wie geht es mit der polnischen Demokratie weiter, fragen sich die Intellektuellen, die sich immer zahlreicher zu Wort melden. Hat der Polen-Freund Timothy Garton Ash recht, der neulich Frankreich, Spanien, Italien, Kanada und die Vereinigten Staaten dazu aufrief, sich dringend in die polnischen Belange einzumischen, sonst „werden Kaczynskis Anhänger behaupten können, Brüssel erteile Polen Befehle, wie es einst Moskau tat, und dazu die antideutschen Ressentiments ausspielen“? Oder eher der Warschauer Publizist Marek Beylin, der jetzt schon Szenarien für die Nach-Kaczynski-Zeit entwirft und die aktuellen Ereignisse als eine schmerzhafte Feuerprobe interpretiert, aus der er die polnische Gesellschaft aber gestärkt hervorgehen sieht: „Sie wird sich nicht mehr mit der Demokratie begnügen, die wir vor PiS hatten, sondern nach einer besseren verlangen“? Vielleicht sollte man sich aber einfach auf das Urteil des Schriftstellers Stefan Chwin verlassen, der alles in einem größeren historischen Kontext sieht und mit stoischer Ruhe Dinge sagt wie: „Jeder, der die Demokratie verteidigen will, muss bedenken, dass der Mensch vor allem ein irrationales Wesen ist. Zuerst fühlen wir, dann erst denken wir nach.“ Denn wenn es so ist, möchte man hinzufügen, dann hat diese zweite Phase in Polen längst begonnen.

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