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Rechtsextreme Mordtaten : Hinterbliebene, von uns alleingelassen

Muss Gewalt gegen Deutschtürken einen türkischen Hintergrund haben? Die Logik der Ermittler drangsalierte die Hinterbliebenen. Im Bild die acht Mordopfer Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru und Habil Kilic (oben, v.l.), sowie Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides und Mehmet Kubasik (unten, v.l)

Muss Gewalt gegen Deutschtürken einen türkischen Hintergrund haben? Die Logik der Ermittler drangsalierte die Hinterbliebenen. Im Bild die acht Mordopfer Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru und Habil Kilic (oben, v.l.), sowie Yunus Turgut, Ismail Yasar, Theodorus Boulgarides und Mehmet Kubasik (unten, v.l) Bild: dpa

Angehörige der Opfer mussten ertragen, dass die deutsche Polizei im Fall der von Rechtsextremen begangenen Morde ermittelte, als seien es Milieutaten. Der soziale Schaden ist erheblich.

          5 Min.

          Enver Şimşek war 36 Jahre alt, als er am 9. September 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Eine Familientragödie, mutmaßte die Polizei und verdächtigte die Ehefrau, den Mord gemeinsam mit einem Onkel organisiert zu haben. Familie Taşköprü wurde gesagt, ihr Sohn Süleyman sei wahrscheinlich von der Drogenmafia erschossen worden. Dann hieß es, die Terrororganisation PKK habe den Hamburger Gemüsehändler am 27. Juni 2001 umgebracht. Der Ehefrau von Mehmet Kubaşik wurde hingegen mitgeteilt, dass Schutzgeldeintreiber ihren Mann ermordet hätten. Auch über Spielschulden, ja sogar über eine Beziehungstat wurde spekuliert. Schließlich wäre normalerweise sie am Vormittag des 4. April 2006 in dem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt gewesen. Doch an diesem Tag holte Elif Kubaşik ihre beiden Kinder vom Kindergarten ab - Grund genug für die Polizei, in ihr die mögliche Auftraggeberin für den Mord zu sehen. „Dieser Tag war der schlimmste in meinem Leben“, sagte Elif Kubaşik ein Jahr später in einem Interview: „Es schmerzt so unendlich. Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Neun Menschen wurden in den Jahren 2000 bis 2006 von den rechtsextremistischen Terroristen umgebracht. Väter, Söhne, Brüder: Enver Şimşek, Abdurrahim Özdogru, Süleyman Taşköprü, Habil Kilic, Yunus Turgut, Ismail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşik und Halil Yozgat. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, für keine der Familien. Da ist der Schmerz über den Verlust. Doch da sind auch die Ungewissheit und die aus heutiger Sicht geradezu skandalös anmutenden Verdächtigungen, denen die Familien jahrelang ausgesetzt waren - zehn ganze Jahre lang.

          Der Grund für die Morde sei im Leben der Opfer zu finden, lautete zunächst die Arbeitshypothese der Ermittler. Immer wieder wurden deshalb Nachbarn, Freunde und Familienangehörige befragt, wurde das Beziehungsgeflecht der Ermordeten aufgedröselt, bis zurück zu ihrer Geburt in Deutschland oder in der Türkei. Auch nach möglichen Familienfehden wurde gefahndet - vergeblich. Es musste deshalb eine neue Theorie her, nämlich jene von der organisierten Kriminalität. Doch selbst jetzt verwechselten die Behörden noch Opfer mit Tätern: Wenn eine Organisation diese Morde in Auftrag gibt, dann müssen auch die Ermordeten der Organisation angehören, lautete das Credo der Ermittler. Offensichtlich hatten sie noch nie etwas von rechtsextremistischen Organisationen gehört. „Wenn es eine Botschaft des Täters gibt, dann muss ich gestehen, dass wir diese Botschaft nicht verstehen“, sagte Wolfgang Geier, der Leiter der Soko-Bosporus, im Jahr 2007 im ZDF.

          Mutmaßungen über Türken

          Welche Wunden die Verdächtigungen bei den Angehörigen verursacht haben, ist kaum vorstellbar. Was soll man schon anfangen mit dem Vorwurf, der eigene Sohn, Vater oder Ehemann sei in Drogengeschäfte verwickelt gewesen? Wie anders konnten Nachbarn und Bekannte reagieren, als an der Integrität der Familien zu zweifeln und sie damit zu isolieren? „Wir fragten uns, ob er vielleicht ein Geheimnis hatte, über das er mit niemandem von uns reden wollte. Anders konnten wir uns das alles nicht erklären. Nun bin ich sehr froh, dass wir uns getäuscht haben“, sagt ein Freund von Theodoros Boulgarides, der am 15. Juni 2005 in München in seinem Geschäft, einem Schlüsseldienst, von den Rechtsradikalen ermordet wurde.

          Die Hintergründe, die in den vergangenen Tagen ans Tageslicht gekommen sind, sagen viel aus über den Zustand des Polizeiwesens, den Verfassungsschutz und die rechte Gefahr, die man hierzulande ignoriert hat. Sie erzählen aber auch, was für ein Türken-Bild in Deutschland regiert. Nicht nur die polizeilichen Ermittler ließen sich offensichtlich von Klischees über Deutschtürken leiten, sondern auch die Öffentlichkeit machte mit. „Hingerichtet von der Halbmond-Mafia“, hieß es am Tag nach der Ermordung von Theodoros Boulgarides einer Münchner Zeitung. Beispielhaft ist ebenso die Geschichte, die der „Spiegel“ Anfang dieses Jahres brachte. „Dunkle Parallelwelten“ lautete ihr Titel. Die beiden Autoren vermuteten darin, dass eine Allianz türkischer Nationalisten, Gangster und Geheimdienstler hinter den Morden stecke. Der abenteuerliche Vorschlag des Nachrichtenmagazins: „Ergenekon“, also jene türkische Untergrundorganisation, die einen Umsturz der Regierung Erdogan geplant haben soll und deren Arme angeblich bis ins Ausland reichen, sei involviert. Und auch in der F.A.Z. wurde wild über denkbare Hintergründe spekuliert, die Möglichkeit einer rechtsextremistischen Tat aber nicht in Betracht gezogen: Im türkischen Milieu kann es eben auch mal knallen.

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