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Ukraine-Konflikt : Gottesmutter, hilf!

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Das Männerkloster Mariä Himmelfahrt in Tichwin. 2004 kehrte die Ikone aus Amerika zurück. Spendet sie jetzt den Rebellen von Donezk höheren Beistand? Bild: Ulrike Maria Hund

Igor Girkin, pro-russischer Rebellenführer im ukrainischen Donezk mit Kampfnamen Strelkow („Der Schießer“), vertraut jetzt auf eine berühmte Marienikone - sie soll das Kriegsglück wenden.

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          Die in die Defensive geratenen Kämpfer der sogenannten Volksrepublik von Donezk haben jetzt eine russische Wunderwaffe. Mit dem Segen des Abtes des nordwestrussischen Klosters von Tichwin wurde dessen berühmte Wegweiser-Madonna, die im vierzehnten Jahrhundert auf übernatürliche Weise aus Byzanz nach Russland gekommen sein soll, dem Rebellenführer Igor Girkin mit Kampfnamen Strelkow (zu Deutsch etwa: Schießer) in sein derzeitiges Donezker Hauptquartier überstellt.

          Die militärischen Verdienste des heiligen Bildes sind legendär. Anfang des siebzehnten Jahrhunderts half die Gottesmutter von Tichwin den Verteidigern der Klosterfestung, den Belagerungsring der Schweden zu durchbrechen. Zweihundert Jahre später bewaffnete die Tichwiner Armeeeinheit sich für den Kampf gegen Napoleon auch mit einer getreuen Kopie des byzantinischen Bildes, das sich durch den Sieg über die Franzosen den Beinamen Gottesmutterikone der Landwehr erwarb.

          Im Zweiten Weltkrieg geriet das von der Sowjetmacht geschlossene Kloster von Tichwin in die Hand der Wehrmacht, die die Ikone nach Pskow brachte, wo die Deutschen Kirchen wieder eröffneten, von den Geistlichen dafür aber auch verlangten, für ihren Führer zu beten und ihn mit Hilfe des wundertätigen Bildes zu segnen. Die Folgen sind bekannt. Die Gottesmutter von Tichwin gelangte dann im Gepäck eines russischen Priesters nach Amerika. Der Geistliche verfügte, sie nach Russland zurückzubringen, wenn dort nicht mehr Christenverfolger an der Macht seien. Das geschah nach dem Wiederaufbau des Tichwiner Klosters.

          Madonna in der Schutzverglasung

          Jetzt haben die Rebellen von Donezk höheren Beistand bitter nötig. Die bunte Truppe Freiwilliger, die dort für die Interessen Moskaus und ein russisch gelenktes „Kleinrussland“ streiten, erleiden herbe Verluste. Keiner von ihnen soll bisher lebend nach Hause gekommen sein. Strelkow, der Rebellenkommandeur, der schon in Tschetschenien focht und erst unlängst Reliquien vom heiligen Berg Athos nach Kiew eskortierte, küsste vor laufender Kamera die Schutzverglasung der Madonna. Ob es noch etwas nützt?

          Der Schriftsteller Dmitri Bykow ernüchtert die elektrisierte Öffentlichkeit mit der Beobachtung, im russischen Geschichtszyklus wechselten katastrophale gerade Jahrhunderte mit eher glimpflichen ungeraden ab. Entsprechend deutet Bykow den haarsträubenden Bericht des russischen Staatsfernsehens über die angebliche Kreuzigung eines Kleinkindes durch ukrainische Soldaten als Miniversion des Ritualmordvorwurfs, begangen an einem Kind, gegenüber dem Kiewer Menachem Beilis vor gut hundert Jahren. Der Tscheljabinsker Metereorit vom Vorjahr sei der kleine Bruder seines Vorgängers in Tungusska von 1908. Und der Krieg in der Ukraine sei wohl schlimm, jedoch im Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg, der vor hundert Jahren ausbrach, beinahe zu verschmerzen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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