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Real und Atlético : Die ungleichen Gegner aus Madrid

Das Endspiel naht: Vorne Real Madrid, hinten Atletico Bild: AP

Zwei Fußballvereine aus derselben Stadt stehen im Finale der Champions League. Das Sonderbare daran: Real Madrid kultiviert den Sieg, Atlético Madrid die Niederlage. Über eine alte spanische Rivalität und zwei Zustände des Seins.

          Der mächtigere Verein hat sein Stadion im Norden, der kleinere im Süden, am Ufer des Manzanares: kein Fluss, sondern ein Bächlein. Die weltberühmten Spieler von Real Madrid nennt man los blancos, die anderen colchoneros (Matratzenmacher), weil ihre rot-weißen Trikots an die gestreiften Matratzen der Franco-Zeit erinnern. Siege wiederum feiert Atlético Madrid am Neptunbrunnen, gleich gegenüber dem Prado, Real Madrid dagegen kaum vierhundert Meter weiter nördlich am Kybele-Brunnen. Natürlich kommt sich dabei niemand ins Gehege, denn die Partys steigen nie gleichzeitig.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Vergessen wir politisch-historische Zuordnungen, denn sie stimmen und stimmen wieder nicht. Die Rot-Weißen hießen einige Jahre lang „Atlético Aviación“, was die Nähe zur Luftwaffe der Diktatur hinreichend beweist. Dafür versuchte das Regime in den fünfziger Jahren von den sportlichen Triumphen und dem Ruhm der blancos zu profitieren. Er könne leider nicht beeinflussen, wer auf der Tribüne Platz nehme, soll der große Real-Präsident Santiago Bernabéu gesagt haben.

          Der wahre Unterschied zwischen den beiden Gegnern im Champions-League-Finale wohnt in den Herzen. In einem Dokumentarfilm über Atlético Madrid - von den Anhängern liebevoll „el Atleti“ genannt - kommt eine Fangruppe zu Wort, die seit Jahren zu allen Auswärtsspielen ihrer Mannschaft reist. „El Atleti“, sagt ein junger Mann und lächelt scheu, als spräche er zum ersten Mal im Leben über eine ausgefallene Sucht, „ist fast wichtiger als unsere Familien und unsere Jobs. Wir widmen Atleti achtzig Prozent unseres Lebens.“ Das mit der Familie klingt aus dem Mund eines Spaniers wie ein Sakrileg, doch in den generationenumspannenden Fanklubs wachsen junge Leute unter dem wohlwollenden Blick der leidenserprobten Älteren ganz natürlich in die Atlético-Identität hinein.

          „Wir wären die Könige Europas gewesen!“

          Mein Freund Juan Antonio Tirado, ein Fernsehjournalist, Blogger und großer Literaturkenner, nimmt seine fünfjährige Tochter Alicia, angetan mit dem Leibchen des Herzensvereins, bei besonderen Gelegenheiten mit ins Stadion. „Was macht denn die Atleti-Kultur aus?“, fragte ich ihn kürzlich. „Oh“, sagte Juan Antonio und verfiel ins Grübeln, „ich weiß nicht, ob ,Kultur‘ das richtige Wort ist. Ich würde eher von Philosophie sprechen. Aber warte. Warte.“ Ein tragischer Ausdruck verdüsterte seine Züge: „Am besten erzähle ich dir vom traurigsten Tag unserer Vereinsgeschichte.“

          Ein Tag, der Atleticos Geschichte hätte verändern können: Doch 1974 gewannen die Bayern den Pokal.

          Ich wusste, was jetzt kommen würde. Mai 1974. Der schmerzliche Ausgleich in der 120. Minute im Europapokal der Landesmeister gegen Bayern München, wodurch ein Wiederholungsspiel notwendig wurde, das 0:4 verlorenging. Das Atleti-Trauma. Vierzig Jahre her, aber im Gefühlshaushalt des aficionado so lebendig wie damals. „Ein Vorstopper“, murmelt er mit gesenkten Lidern, „an dessen Namen ich mich nicht erinnern will ...“

          „Klar“, sage ich, „Katsche Schwarzenb ...“

          „An dessen Namen ich mich nicht erinnern will“, sagt Juan Antonio und wirft mir einen strengen Blick zu, „erzielte dieses Tor, dieses unglaubliche Tor, ohne dass unsere Geschichte der letzten vierzig Jahre anders verlaufen wäre. Das glaube ich wirklich. Hätten wir diesen Titel geholt, wären wir die Könige Europas gewesen. Und dann ... Aber es kam anders.“

          Liebe zum ewigen Underdog

          Dass es von Anfang an anders kam, ist das geistige und seelische Fundament des Atleti-Fans, der unentbehrliche Teil rot-weißer Kosmogonie. Denn am Anfang war Real Madrid, offiziell der beste Verein des zwanzigsten Jahrhunderts. Erst ein Jahr danach, als Filiale des Athletic Club de Bilbao, wurde Atlético de Madrid ins Leben gerufen. Die Gründung des Klubs fiel auf den 26. April 1903, den Geburtstag von Mark Aurel, ein böses Vorzeichen. Es bedeutete, so der Lyrikverleger Chus Visor, dass man als Fan viel zu leiden haben würde, dass man nicht auf der Seite der Sieger, sondern der unerschütterlichen Verlierer stehen würde, also bei den wahren Helden.

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