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Reaktionen auf Lobo-Artikel : Diese Kränkung ist hausgemacht

  • -Aktualisiert am

„Es lohnt sich zu kämpfen, weil ein positiver Ausgang möglich ist“, schreibt Sascha Lobo und fordert einen neuen Internetoptimismus. Bild: dpa

Sascha Lobos Absage an die digitale Utopie hat unter unseren Lesern für viel Diskussion gesorgt. In der Diagnose ist man mit dem Autor weitgehend einig, in der Therapie fordert man mehr Konkretion - und mehr Regeln.

          „Ich spüre eine Kränkung. Das Internet ist nicht das, wofür ich es gehalten habe“, bekennt Sascha Lobo in seinem Artikel „Die digitale Kränkung des Menschen“ auf FAZ.NET. Die NSA-Spionage habe für ihn bewiesen: „Was viele für ein Instrument der Freiheit hielten, wird aufs Effektivste für das Gegenteil benutzt.“ Jede Verteidigung sozialer Netzwerke müsse nachträglich ergänzt werden um die Tatsache, „dass soziale Netzwerke auch ein perfektes Instrument sind, um einen Sog privatester Informationen im Netz zu erzeugen.“ Das Internet als Instrument der Freiheit sei „kaputt“.

          Mit der Sorge um die persönliche Freiheit im Netz spricht er vielen Lesern aus der Seele: „Dank WikiLeaks und dem NSA-Skandal ist heute das ganze Netz durchzogen von Misstrauen, Angst und Paranoia“, so Ernst Wilhelm. „Ob nun Bürger oder Entscheidungsträger, alle werden immer weniger bereit sein, sich offen zu äußern.“ Armin Geißler bereitet vor allem die zunehmende Zentralisierung von Diensten unter dem Dach großer Konzerne Sorge: „Google sammelt unsere Daten quer durchs Netz, bald auch auf den Straßen. (…) Unsere gesamten Daten werden prinzipiell von wenigen, bedeutsamen Konzerne verwaltet. Und dahinter sitzen Geheimdienste, die nicht effektiv von ihren Regierungen kontrolliert werden (können).“

          Ein typisches Reaktionsmuster der Moderne

          Dennoch beurteilen auch viele Leser die Analyse des Bloggers als naiv. Insbesondere an seinem Bekenntnis, das Netz einst als Heilsbringer für mehr Transparenz und Demokratie gesehen zu haben und nun eine Art Freudsche Kränkung zu erleiden, stoßen sich viele. Das Medium sei eben nicht die Botschaft, sondern immer nur so gut oder schlecht wie die Aktionen seiner Nutzer. Herold Binsack schreibt: „Das Internet ist ein Handwerkszeug, so wie zuvor die Schreibmaschine. Handwerkszeugs hilft uns unsere Arbeit leichter zu erledigen (…),  aber es ist nicht geeignet zur Weltverbesserung. Die geht von den Menschen aus, von manchen.“

          Zahlreiche Leser sehen es, historisch betrachtet, als unvermeidlich, dass nach der anfänglichen Euphorie über eine neue Technik das Pendel umschlage, sobald ihre Schattenseiten entdeckt werden. „Das begann bereits mit der Zähmung und Nutzung des Feuers“, schreibt Horst Mergener. „Nur eingehegt und kontrolliert dient es der Menschheit. Außer Kontrolle, ist es zerstörend.“ Jona Fuchs sieht in dieser Pendelbewegung ein typisches Muster der innovationsbedürftigen Moderne. Auf übertriebene Fortschrittshoffnungen folge Verteufelung. Er empfiehlt einen mittleren Weg: Das Internet sei über die Erkenntnis seines ambivalenten Charakters nicht in Gänze zu verwerfen.

          Viele Leser vermissen von Lobo eine Antwort auf die Frage, wie das Internet ohne feste Regeln funktionieren könne, ohne dass sich hier Überwachungsstrukturen einnisten. Viele vertreten die Ansicht, dass das Netz kein rechtsfreier Raum sei, sondern klarer Regeln und Gesetze bedürfe, auf deren Basis sich die Gesellschaft entfalten kann. Ein gänzlich unbeobachtetes, regelloses Netz sei eine gefährliche Utopie, findet Uwe Saint-Mond: „Genausowenig wie sich die reale Welt ohne klare Regeln, Schutzmechanismen usw. sinnvoll gestalten lässt, gelingt dies im Internet. Und eine Netzgemeinde, die nicht erwachsen werden will, spielt mit ihrer Naivität leider all jenen in die Hände, die diese Sorglosigkeit nur allzu gerne ausnutzen.“

          Die Idee der digitalen Vernetzung müsse neu gedacht werden, schreibt Lobo in seinem Text. Mit dieser Forderung bleibt er vielen Lesern zu unkonkret. Sie halten seiner „Netzgemeinde“ vor, dass sie es in den letzten Jahren versäumt habe, sich in der analogen Welt ausreichend für ihre Ideale stark zu machen. „Solange man nur auf Online-Petitionen und Besuche von Schriftstellern bei der Kanzlerin setzt, wird sich nichts tun. Es ist keine neue ’Digitalerzählung’ nötig, sondern ein Widerstand, der in der analogen Welt politische Wucht entfalten kann“, schreibt Jürgen Franke. Die meisten setzen dabei nicht auf unverbindliche Selbstverpflichtung. Sie fordern klare Regeln und ein stärkeres Engagement der Politik. So Eric Berger: „Freiheit und Recht muss man überall erarbeiten und verteidigen, auch im Internet.“

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