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Reaktionen auf Grass : „Ein globaler Schock“

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Sein Bekenntnis überrascht und verstört Bild: ddp

Fassungslos, irritiert, aber auch mit Verständnis reagieren Kollegen und Medien auf das Geständnis des Schriftstellers Günter Grass, in der Waffen-SS gewesen zu sein. FAZ.NET faßt die wichtigsten Reaktionen zusammen.

          Zum ersten Mal nach mehr als sechzig Jahren hat Günter Grass über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS gesprochen. Als Fünfzehnjähriger hatte er sich noch als Hitlerjunge freiwillig zu den U-Booten gemeldet, mit siebzehn wurde Grass einberufen und kam vom Arbeitsdienst zur Division „Frundsberg“, die zur Waffen-SS gehörte. Dieses Geständnis, das Grass in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung machte, hat nicht nur in der Kulturszene für Aufsehen gesorgt.

          Das Bekenntnis sollte man nicht dazu benutzen, den Schriftsteller moralisch abzuurteilen, sagte der Schriftsteller Dieter Wellershoff dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Samstagausgabe). Wellershoff ist um zwei Jahre älter als der 1927 geborene Grass. „Man lebt in der Welt, in die man hinein geboren wird“, fügte der Kölner Autor hinzu. Daß Grass sein Schweigen über die eigene Rolle im Nationalsozialismus erst jetzt brach, wollte Wellershoff nicht bewerten. Möglicherweise habe er „Kritikwütigkeit“ gefürchtet. Sein Schriftstellerkollege Walter Kempowski hingegen sagte dem „Tagesspiegel“, das Bekenntnis komme „ein bißchen spät“. Kempowski fügte an: „Auch für Grass gilt das Wort aus der Bibel: Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Grass-Biograph Michael Jürgs sprach gar vom „Ende einer moralischen Instanz“.

          Nach Ansicht von Ralph Giordano (83) kommt das Bekenntnis von Grass keinesfalls zu spät. „Ich habe Leute gekannt, die erst mit 80 oder 85 Jahren bekannt haben, was sie falsch gemacht haben“, sagte der Autor. Schlimmer als einen Irrtum zu begehen, sei es, keine Konsequenz daraus zu ziehen, und das habe Grass ja schon lange gemacht. „Für mich verliert er durch diese Öffnung nicht an moralischer Glaubwürdigkeit - in keiner Weise, das möchte ich hier ganz klar und unmißverständlich sagen.“ Auch für den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, stehen „das künstlerische Werk und seine politische und moralische Integrität auch nach seinem Bekenntnis außer Zweifel“. Er trenne, so Staeck, „nicht zwischen Werk und Person“.

          Walter Kemposwki: „ein bißchen spät”

          Nach Ansicht von Literaturkritiker Hellmuth Karasek hätte Günter Grass mit einem früheren Bekenntnis seiner Waffen-SS-Mitgliedschaft möglicherweise den Nobelpreis riskiert. So wie er die Akademie einschätze, „hätte sie den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt war, daß er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat“, sagte Karasek. Grass habe den Nobelpreis wie kein anderer deutscher Autor verdient. Aber auf einmal komme alles in ein neues Licht, sagte Karasek.

          Für den Historiker Michael Wolffsohn kommt das Eingeständnis des Schriftstellers zu spät. „Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass' moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet“, schreibt Wolffsohn in einem Beitrag für die „Netzeitung“. Wolffsohn wies darauf hin, daß Grass 1985 „eine goldene Gelegenheit“ gehabt hätte, seine Mitgliedschaft einzuräumen. Damals sei heftig über den Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan diskutiert worden: „Sollten sie gemeinsam auf den dortigen Friedhof gehen, wo auch Soldaten der Waffen-SS lagen? Sie gingen.“ Und so seien damals beide als „Reinwäscher der SS und besonders der Waffen-SS“ von vielen verunglimpft worden. „Damals hätte Grass aufstehen und erklären sollen: 'Auch ich war dabei'“, so Wolffsohn.

          Auch für den CDU-Politiker Friedbert Pflüger wäre der Bitburg-Besuch der richtige Zeitpunkt für ein solches Bekenntnis gewesen. Der Berliner „B.Z.“ sagte er: „Damals hätte er sein großes Ansehen einsetzen müssen, um gegenüber der Welt zu erklären, wie es im nationalsozialistischen Deutschland dazu kommen konnte, daß junge Menschen zur Waffen-SS kamen - Zivilcourage bedeutet, sich nicht nur moralisierend zu äußern, wenn es wohlfeil ist, sondern auch wenn man dabei etwas zu verlieren hat.“

          Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Jens stärkte Grass den Rücken. „Ein Meister der Feder hält Einkehr und überlegt sich: Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan und er verdient meinen Respekt“, sagte der 83jährige.

          Ähnlich äußerte sich auch der Historiker und Publizist Arnulf Baring: „Die Selbstüberwindung von Grass verdient großen Respekt. Aber man fragt sich doch beklommen, warum er sich nicht früher zur Wahrheit aufgerafft hat“. Grass habe immer betont, wie unvollkommen die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland sei. „Er muß sich dabei halb bewußt immer selbst im Auge gehabt haben.“ Der Schriftsteller Klaus Theweleit witterte in dem Bekenntnis eine Publicity-Aktion des Nobelpreisträgers: „Wenn Grass den Polls entnimmt, daß nicht 102 Prozent der Deutschen ihn kennen, dann fällt ihm so etwas ein“, sagte er dem „Tagesspiegel“. Was Grass sage, „ist ohne Vorwurf hinzunehmen. Er war sehr jung und stand unter keinem anderen Einfluß, der ihn abgehalten hätte“,
          sagte Schriftsteller Erich Loest derselben Zeitung. Er könne das sehr gut nachempfinden.

          Der Berliner „Tagesspiegel“ wirft diverse Fragen auf: „Ist sein Geständnis ein Akt der Größe? Ein Akt der Befreiung unter der Last einer übergroßen Scham? Oder - man muß auch das fragen dürfen - der Akt einer Eitelkeit, die ihre moralische Autorität gerade durch das eingestandene Versagen neu nobilitiert? Ist es womöglich der Auftakt einer Reihe ähnlicher Konfessionen von Kollegen?“

          Die römische Zeitung „La Repubblica“ schreibt: „Günter Grass, Nobelpreis-Symbol des wiedervereinigten Deutschlands und zugleich Schutzherr der linken Kultur und Literatur Europas, hat in seiner Jugend die Uniform der Waffen-SS angezogen. (...) Das Bekenntnis von Grass ist wie ein globaler Schock.“ Die Zeitung weiter: „Mit schmerzhaftem Mut entschied sich Grass jetzt, jene Zweideutigkeit und Schuld seines Vaterlandes anzunehmen, die der Vergangenheit angehört, die aber unauslöschlich ist.“

          Keine Stellungnahme gab es vom Kritiker Marcel Reich-Ranicki: „Kein Wort“ werde er dazu sagen, sagte er der dpa am Samstag. Er sei „nicht verpflichtet“ sich zu äußern.

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