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Re:publica : Wären wir doch alle anonym!

Die „doofen Nutzer“ bleiben draußen, auf der Konferenz trifft sich die Schwarmintelligenz Bild: dpa

Was kann, was darf der Aktivist im Internet? Die re:publica debattiert darüber, wie weit die digitale Selbstbestimmung geht. Hier sind die Skeptiker in der Defensive.

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          Wer ist eigentlich auf die Idee mit dem „digitalen Dorfplatz“ gekommen? Als Sascha Lobo und Christoph Kappes am Donnerstagmorgen auf der Netzkonferenz re:publica gestehen, wie dumm sie diese Bezeichnung eigentlich finden, haben sie schon eine knappe Stunde lang mit vier Mitstreitern unter dieser Überschrift die seltsame neue Mischung von Privatsphäre und öffentlichem Raum besprochen, die das Netz nun einmal ist. Die Bezeichnung habe sich bestimmt nur wegen der Alliteration durchgesetzt, vermuten sie, schon denke jeder an den Platz in der griechischen Antike, auf dem sich die freien Bürger versammelten (allerdings nur die Männer), oder an den mittelalterlichen Dorfplatz mit seinem Pranger und der Gelegenheit, faule Eier zu werfen.

          Aber mit diesen Bildern sei der Komplexität der digitalen Welt nicht beizukommen. Nach seinem großen Wunsch für das Netz in nächster Zeit gefragt, antwortet der prominente Blogger Lobo, die selbstkontrollierte Fläche im Internet möge wachsen, auf eigenen Servern sollten ähnliche Angebote wie Twitter oder Facebook gemacht werden, ein politisches Programm solle eine solche Infrastruktur für alle fördern, und das dürfe dann auch schon mal eine Milliarde kosten.

          Datensammler als Bedrohung der Freiheit 

          Das Stichwort zu diesem Wunsch hatte tags zuvor der Eröffnungsredner der Konferenz geliefert. Mit einem Eingeständnis. „Wir haben einen Fehler gemacht: Wir haben die Anonymität vergessen.“ Es ist Eben Moglen, der das sagt. Gleich nach den protokollarischen Grußworten mit ihrem Lobpreis des Netzes, der Medien und natürlich Berlins schlägt der Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia-Universität in New York auf der so oft familiären, gern enthusiastischen Konferenz andere Töne an. Und er schlägt einen weiten Bogen in seinem Exkurs zur Gedankenfreiheit, nicht nur zur Stasi und zum KGB, sondern auch zum Buchdruck und zur Inquisition, wenn er erklärt, warum der Kampf für Gedankenfreiheit immer auch ein Kampf gegen die Kontrolle des Lesens, gegen die Verbreitung von Texten und Bildern war: ein Kampf für Anonymität.

          Moglen ist einer der großen Verfechter freier Software, und er sieht uns am Scheideweg: Längst haben wir uns daran gewöhnt, führt der Professor in hohem Ton aus, im Internet Texte zu lesen, während wir beim Lesen der Texte gelesen werden, oder Filme zu sehen, während wir beim Sehen dieser Filme gesehen werden. Nur eins der hundert in Amerika populärsten Angebote im Netz sammele keine Daten seiner Nutzer: Wikipedia. Nach Jahrhunderten des Kampfes für die Gedankenfreiheit sei die Menschheit im Begriff, diese Freiheit aufzugeben, sie der eigenen Bequemlichkeit, einer Mode wie den Smartphones, diesen Kontrollrobotern, die sich auch noch von uns herumtragen lassen, einem populären Dienst wie Facebook einfach zu opfern. Heute, sagt Moglen, müssten die Geheimdienste nicht einmal darauf dringen, dass sie an die Facebook-Daten von Verdächtigen kommen. Am einfachsten wäre es, mit ein paar Zeilen Code gleich Teil von Facebook zu werden.

          Die Schnelligkeit bewegter Bilder

          Diesen Faden nimmt Måns Adler auf, als er am Mittag des nächsten Tages erzählt, in Syrien hätten sie seine Seite als eine der ersten abgeschaltet. Facebook und Twitter könnten dort weiter genutzt werden, sie seien viel einfacher zu kontrollieren und würden den Sicherheitsdiensten wichtige Hinweise geben. Zusammen mit Jonas Vig hat Adler vor fünf Jahren in Stockholm „bambuser.com“ gegründet, eine Website, über die Videos gleich bei ihrer Aufnahme live gezeigt werden können. Anders als bei Plattformen wie Youtube oder Vimeo, wo man seine Clips erst später hochladen muss. Adler zeigt den Clip eines Vaters, der sein Smartphone in den Kühlschrank sperrt, um seinen Kindern zu zeigen, ob nach dem Schließen der Tür drinnen tatsächlich das Licht ausgeht, den Clip eines Gleitschirmfliegers beim ersten Abheben.

          Dann wird es ernst: In Oslo sei ein Nutzer wenige Momente nach der Explosion von Breiviks Bomben auf Sendung gegangen, die Bilder hätten es bis ins dänische Fernsehen geschafft. Allein aus Ägypten seien am Wahltag im November 2010 zehntausend Videos gesendet worden, mit denen Menschen die Situation auf den Straßen und in den Wahllokalen dokumentierten. Übergriffe gegen Demonstranten könnten mit seiner Technik nicht nur gezeigt werden, sondern in kürzester Zeit zu Reaktionen führen.

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