https://www.faz.net/-gqz-8gpcu

re:publica : Der Islam in Zeiten des Internets

Handy und gellende Pfiffe: eine Iranerin bei einer politischen Demonstration in Teheran Bild: Picture-Alliance

Wie ernst muss man eine Fatwa nehmen? Und ist Oralsex nicht doch mit dem Koran vereinbar? Mit amüsiertem Widerspruchsgeist stellt das Internet neuerdings Instanzen in Frage, die bisher unangefochten waren.

          2 Min.

          Im Januar vergangenen Jahres kam es in Saudi-Arabien zu einem Kälteeinbruch. Es schneite sogar, und die Bewohner des Wüstenlandes bauten mit großer Begeisterung Schneemänner, Schneefrauen und Schneekamele. Und als ein Muslim im Internet fragte, ob das nun mit dem Islam vereinbar sei, sagte der Prediger Salih Al-Munajid, das sei es eher nicht. Die Meinung eines islamischen Predigers nennt man Fatwa. Und für die Fragen von Gläubigen nach der Islamverträglichkeit so ungefähr aller Lebensbereiche gibt es im Internet bereits seit den neunziger Jahren ausführliche Fatwa-Foren, die rege genutzt werden. Gerade auch die moderne Welt braucht Fatwas, etwa die Frage, ob es haram sei, einen Koran als E-Book auf dem Smartphone herumzutragen und ob man das Smartphone dann auch noch mit auf die Toilette nehmen dürfe. Es war ein mit vielen Fakten und Beispielen gespickter Vortrag, den die Islamwissenschaftlerin Miriam Seyffarth auf Bühne 6 der re:publica hielt.

          Wenn sich nun ein Prediger ins Internet wagt, so muss auch er sich dessen Gesetzen beugen. Gegen Al-Munajid und seine Schneemann-Fatwa etwa gab es einen veritablen Shitstorm, der den Prediger veranlasste, zurückzurudern. Naja, Schneemänner und -frauen seien schon möglich, aber nur, wenn die Gesichtszüge nicht allzu menschlich ausfallen. Die saudischen Schneemannbauer lachten und bauten weiterhin Schneemänner, Schneefrauen und Kamele, so detailreich, wie es ihnen gefiel. Was lehrt uns diese Geschichte? In Zeiten des Internets kann es durchaus passieren, dass auch bislang unwidersprochenen Instanzen Widerspruch entgegenweht. 

          Umweg über Satire

          Das ist kein Einzelfall: Der Prediger Scheich al-Ghamdi, einst Leiter der Religionspolizei in Mekka und der Freizügigkeit unverdächtig, antwortete einem Mädchen, das wissen wollte, ob es sein Gesicht unverhüllt auf sozialen Netzwerken posten dürfe. Ja, das dürfe es, sagte er und bekam eine Lawine an Glückwünschen wie Drohungen gleichermaßen. Am nächsten Tag tauchte er mit seiner Frau in einer Fernsehsendung auf, auch ihr Gesicht unverhüllt. Und dann gab es noch den türkischen Gelehrten Ali Riza Demircan, dessen Video, in dem er einer vor Lachen fast platzenden Fernsehmoderatorin die Vereinbarkeit von Oralsex mit dem Koran erklärt, im Internet viral ging. All diese Vorfälle, so komisch sie anmuten können, geben Menschen in eher restriktiven Gesellschaften die Möglichkeit, derart heikle Themen überhaupt erst zu verhandeln – über den Umweg eines Geistlichen und dessen Rat, und über das Internet, wie Seyffarth ziemlich eindrücklich darlegte. 

          Mitunter gibt es auch einen Umweg über die Satire. Den Großmufti von Saudi-Arabien etwa traf es etwas unvorbereitet, dass er angeblich eine Fatwa veröffentlicht habe, demnach es im Notfall Männern erlaubt sein solle, ihre Ehefrau zu essen. Urheber war ein marokkanisches Satireblog. Diese Falschmeldung hing dem Mann noch jahrelang nach, was zeigt, wie durchschlagend Satire sein kann, wenn sie haargenau neben der Realität liegt. 

          Mit einem ähnlichen Komplex befasste sich ein Panel am Mittwoch Abend, das den schönen Titel „Terror ernst nehmen, Terroristen auslachen“ trug. Mit zweiterem haben Farah Boamar und Nemi El-Hassan Erfahrung, denn sie gehören dem Youtube-Satirekanal „Datteltäter“ an, in dem deutsch-islamische Missverständnisse aufs Schönste auf die Schippe genommen werden. Angst haben sie nicht, sagen sie, denn dann hätten die Terroristen gewonnen. Der Humor, so führte der einstige Offizier und nun Militärblogger Sascha Stoltenow an, ist überhaupt eine Ressource, die wir noch nicht genügend ausgeschöpft haben. Und Seyffarth, die auch Teil dieser Veranstaltung war, führte ihre Sammlung von Satirevideos aus dem arabischen Raum vor. Auf Youtube gibt es da mittlerweile sehr lustige, aber auch sehr bittere Beispiele, wie man über Terroristen lachen kann. Gerade dort, wo man so nah dran ist, bleibt einem oft nichts anderes übrig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die neuen Vorsitzenden der SPD Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Umfrage : SPD gewinnt, AfD verliert

          Zum Abschluss ihres Parteitags gibt es für die SPD gute Nachrichten von den Meinungsforschern. Unter den neuen Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans kann die Partei in der Wählergunst zulegen.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.