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Raucher-Debatte : Der süße Qualm von Anarchie

  • -Aktualisiert am

Those were the days: Von Paleo-Diät und Entschlackungskuren wusste dieses Pärchen vermutlich noch nichts. Bild: AP

Seit die Menschen nur noch gesund leben wollen, geraten Raucher immer mehr unter Rechtfertigungszwang. Eine Podiumsdiskussion in Berlin feierte nun das Recht auf lasterhaftes Leben.

          2 Min.

          Vereinzelt, etwa auf dem Balkon, sind Raucher eine zurückweichende, auch vom Bundesgerichtshof nicht mehr rückhaltlos geschützte Art. Doch wer weiß, welchen rebellischen Trotz sie noch im Kollektiv entwickeln könnten? Allein in Berlin sind immerhin 632 von 13000 Lokalen als Raucherkneipen ausgewiesen, deren Besucher gegen die herrschende Ideologie des „nachhaltigen Lebensstils“ gemeinsam Widerstand leisten. An einer theoretischen Grundlegung des Dissenses sind bisher allerdings die wenigsten interessiert, und so hatte die vom noch jungen Berliner Freiblickinstitut und der Frankfurter Zeitschrift „NovoArgumente“ ausgerichtete Debatte in den Tilsiter Lichtspielen, einem Programmkino im Ostberliner Bezirk Friedrichshain, etwas verhalten Vorreiterisches.

          Die zentralen Stichworte lieferte der Redakteur Johannes Richardt von „NovoArgumente“: Es habe sich in den vergangenen Jahren ein paternalistisches Politikverständnis durchgesetzt, das mit der Berufung auf die Wissenschaft immer mehr Bereiche regulieren wolle, die eigentlich Privatsache seien; es sei keineswegs die Aufgabe der Politik, zu sagen, was das richtige Leben sei. „Wir leben in einer großen Sanatoriums-Gesellschaft“, fasste eine Frau im Publikum die Klage zusammen. Auf dem Podium ging es auch um Interessenvertretung, beim mit sonorer Stimme sprechenden, E-Zigarette schmauchenden Repräsentanten des „Aktionsbündnisses NRW genießt“ oder beim Vorsitzenden des ostdeutschen Pfeifenraucherverbands, der in den Gesundheitskampagnen auch eine „quasireligiöse Komponente“ zu entdecken meinte: Man suche sich etwas, woran man wieder glauben könne.

          Eine halbe Stunde zu spät stieß zu dieser heterogenen Runde Bert Papenfuß, der nicht nur Dichter ist, sondern auch eine Prenzlauer-Berg-Kneipier-Legende, selbst wenn der moderierende Sportmarketing-Professor bei der Vorstellung seines aktuellen Lokals Rumbalotte continua etwas ins Stottern geriet. Papenfuß fand, es gehe um kommerzielle Interessen, da sich mit Fitness heute mehr Geld verdienen lasse als mit Tabak. Im Übrigen sei er Anarchist und glaube nicht daran, dass Politik etwas anderes bewirken könne als noch mehr Politik. Diese Meinung wurde nicht weiter erörtert, wohl aber die Auffassung, dass die Gesundheit zu einem Fetisch und einem Selbstzweck werde, dass sie der Disziplinierung der Unterschichten diene und dass sie ein Symptom der Entpolitisierung sei; man könne sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass es Gründe geben könne, sie aufs Spiel zu setzen. Die Hälfte der etwa dreißig Zuhörer in dem kleinen Kinosaal bekannte sich als Nichtraucher; ihnen ging es offensichtlich mehr ums Prinzip als um die Praxis des Rechts, ungesund zu leben

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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