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Raubkunst : Ude im Sumpf

  • -Aktualisiert am

Wenn man versucht, Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, machen sie dort manchmal deutlich mehr Lärm als vorher; das bekommt gerade Münchens Oberbürgermeister Ude in einem Streit über das Klee-Gemälde „Sumpflegende“ zu spüren.

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          Wenn man versucht, Dinge unter den Tisch fallen zu lassen, machen sie dort manchmal deutlich mehr Lärm als vorher; das bekommt gerade Münchens Oberbürgermeister Ude zu spüren. Nachdem man in der Stadt glaubte, ein Restitutionsbegehr, das Paul Klees Gemälde „Sumpflegende“ betrifft, mit einem Definitionstrick abschmettern zu können, weitet sich die Angelegenheit zu einem internationalen Skandal aus, in den sich nun Außenminister Steinmeier ebenso einschalten muss wie Kulturstaatsminister Neumann.

          Worum geht es? Sophie Lissitzky-Küppers hatte Klees Bild 1926 dem Provinzialmuseum Hannover als Leihgabe überlassen. Dort wurde es später als „entartet“ beschlagnahmt; nach dem Krieg tauchte es im Kunsthandel wieder auf. Hannover lehnte 1982 den Kauf – angeblich im Wissen um die Herkunft – ab, München nicht; seitdem hängt das Bild im Lenbachhaus. Seit Jahren fordern die Erben das Werk zurück, bisher vergeblich. München argumentiert, bei der „Sumpflegende“ handele es sich um „entartete Kunst“, die im Museum beschlagnahmt wurde – und die kann nach gängiger Auffassung nicht zurückgefordert werden, da die Verfolgungsmaßnahme sich nur gegen Bilder, nicht gegen Personen richtete. Darauf pocht man in München, obwohl Lissitzkys Sohn Kurt im Dritten Reich nach dem Verbleib der Kunstwerke seiner Mutter suchte und von 1938 bis 1945 im Konzentrationslager einsaß.

          „Für Deutschlands Ansehen fatal“

          Die Anwälte der Enkel argumentieren nicht nur mit der „Washingtoner Erklärung“, die Fälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Eigentum jenseits rechtlicher Verjährungsfristen regelt, sondern auch damit, dass Lissitzky-Küppers selbst nach NS-Recht gar nicht enteignet werden konnte, da sie seit 1927 UdSSR-Bürgerin war. Zivilrechtlich hat das Bild den Besitz der Familie demnach nie verlassen.

          Neumann kritisiert Münchens Haltung in einem am Wochenende veröffentlichten Brief an Ude scharf; diese sei für das „Ansehen Deutschlands mehr als fatal“. Das regierungsamtliche New Yorker „Holocaust Claims Processing Office“ kündigte derweil an, eine Zivilklage in den Vereinigten Staaten zu unterstützen. Sollte diese Erfolg haben, könnten dort Vermögenswerte Münchens gepfändet werden, etwa Anteile an der Bayerischen Landesbank. Ob die Stadt, die sich sogar weigert, die Limbach-Schiedskommission anzurufen, es darauf ankommen lässt, wird sich zeigen; rätselhaft ist ihr Verhalten schon jetzt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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