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Raubkunst : Bei Verdacht wird intensiv nach den Erben gesucht

Nicht geraubt: Kirchners „Selbstbildnis mit Mädchen“ aus dem Jahr 1914. Bild: dpa

Erleichterung in den Berliner Museen über eine gute Nachricht: 450 Werke der Klassischen Moderne wurden von Provenienzforschern geprüft. 85 Prozent gehören nicht zur Raubkunst der Nationalsozialisten.

          Der zarte Mädchenkopf von Wilhelm Lehmbruck aus dem Jahr 1913 steht bisher nicht unter Verdacht, NS-Raubkunst zu sein. Aber er ist ein Beispiel für jene Fälle der Suche nach allen Vorbesitzern der Skulptur, die nicht abgeschlossen werden können. Seit drei Jahren lässt das Land Berlin seine großartige Sammlung der klassischen Moderne, die „Galerie des 20. Jahrhunderts“, von Provenienzforschern der Preußenstiftung systematisch darauf untersuchen, ob sich Hinweise auf Enteignungen von Vorbesitzern in der NS-Zeit finden. Oder, im besten und bisher häufigsten Fall, dass kein Schatten auf die Herkunft dieser Kunst fällt.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Denn sie wurde zusammengetragen, wie ein Beschluss des Berliner Magistrates unmittelbar nach Kriegsende bezeugt, um die großen Lücken wieder zu füllen, die Zerstörung und die Plünderungen der Nationalsozialisten in die Berliner Museumssammlungen der Moderne geschlagen hatten. Ein ehrenwerter Ansatz, zudem weisen auch die alten Galerie-Kataloge bei vielen Werken Vorbesitzer aus, aber zahlreiche Provenienzen waren lange auch lückenhaft. Nur eines kann ausgeschlossen werden: Böswilligkeit beim Kauf auf Auktionen oder aus Privatsammlungen.

          85 Prozent der Kunstwerke unbelastet

          Die etwa 450 Kunstwerke befinden sich seit 1968 als Dauerleihgaben in der Neuen Nationalgalerie und im Kupferstichkabinett, die beide zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gehören. Jetzt stellten Stiftung und die Berliner Kulturverwaltung zum ersten Mal die Recherche-Ergebnisse vor. Danach sind 85 Prozent der Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen unbelastet, was heißen soll: Vom ersten bis zum letzten Käufer (dem Land Berlin) ist alles bekannt und war alles rechtens.

          Das schreibt sich so leicht, hat aber in fast allen Fällen enorm zeitaufwendige und komplizierte Recherchen erfordert und zuweilen auch etwas Glück. Über den Lehmbruckschen Mädchenkopf ist nun bekannt, dass er 1920 in die Galerie Flechtheim kam, wo ihn wenig später ein Berliner Privatsammler erwarb. 1931 wurde wieder Flechtheims Galerie, dieses Mal die Berliner, ermittelt, ihn wohl in Kommission nahm. Wie und ob er dann tatsächlich in eine Pariser Privatsammlung kam, worauf der Brief eines Berliner Galeristen aus dem Jahr 1955 schließen lässt, war trotz intensiver Suche nicht eindeutig zu ermitteln. Die Skulptur wurde wegen dieser Unklarheit in der staatlichen Suchdatenbank lostart.de eingestellt. Vielleicht ergibt sich eine Spur, vielleicht erhärtet sich der Raubkunstverdacht. Erst dann wäre über eine Rückgabe oder einen Rückkauf von Erben zu verhandeln.

          Hinweise auf NS-Raub bei drei Kunstwerken

          Dieses Forschungsprojekt unterscheidet sich von vielen Provenienz-Recherchen, weil hier zum einen systematisch überprüft wird, was Berliner Museen bewahren, und zum zweiten geschieht dies nicht, weil sich Sammlererben übervorteilt oder ignoriert fühlen. Im Gegenteil, bei Verdacht wird nach Erben intensiv gesucht. Die Provenienzforscher konnten bei insgesamt 61 Werken die Herkunft der Bilder, die seit ihrem Entstehen mehrmals verkauft wurden, nicht lückenlos klären.

          Für neun sind die Recherchen bereits zusammengefasst und wie die Lehmbruck-Skulptur auf Lostart veröffentlicht, die anderen werden alsbald folgen. Sie auf bloßen Verdacht, ohne Begründung, in die Lostart-Datenbank zu stellen, wie es zuweilen gefordert wird, macht wenig Sinn. Die Anhaltspunkte aber, die eine seriöse Provenienzrecherche liefert, können zu einer Besitzklärung führen, die dann auch jeder juristischen Überprüfung standhält.

          Lediglich bei drei Werken wurden deutliche Hinweise auf einen NS-Raub gefunden - jedoch sind die Berliner Recherchen an einen Punkt gekommen, der nicht weiterführt. Die drei Fälle werden regelmäßig überprüft, da sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben, nach rechtmäßigen Eigentümern zu suchen, außerdem werden Rechtsfragen geklärt. Dass die Berliner Kulturbehörde vor Journalisten die Titel dieser drei Bilder nicht nennen konnte, ist ärgerlich. Die SPK lieferte sie nach: Es handelt sich um „Zwei badende Frauen“ von Franz Marc aus dem Jahr 1909 und die Slevogt-Bilder „Don Juans Begegnung mit dem steinernen Gast“ (1906, Öl auf Pappe) und „Simson zerbricht die Säulen des Tempels“ (1906/07, Öl auf Pappe).

          Internationale Zusammenarbeit

          Die SPK lässt in vielen Bereichen ihrer Sammlungen nach NS-Verstrickungen forschen, so etwa in der Kunstbibliothek, die eine große Datenbank des deutschen Kunsthandels angelegt hat, der ja bekanntlich tief in die Kunstraubzüge der Nazis verstrickt war. Diese Forschungsprojekte arbeiten wiederum mit ähnlichen in aller Welt zusammen, was die Suche nach der letztgültigen Wahrheit zwar leichter, aber nicht unbedingt schneller macht. Die SPK forscht inzwischen in allen Beständen und hat auch im Zentralarchiv der Stiftung, zu der neben vielen Museen auch die Staatsbibliothek und das Geheime Preußische Staatsarchiv gehören, eine eigene Stelle für Provenienzforschung eingerichtet.

          In so deutlichen Verdachtsfällen wie dem vor kurzem publizierten eines Kokoschka-Gemäldes aus der Berliner Nationalgalerie arbeitet die Preußenstiftung auch mit der in London ansässigen „Commission of Looted Art in Europe“ zusammen, die auf Erbensuche spezialisiert ist. Das unter Verdacht stehende Bild gehörte der von den Nazis ermordeten Kunsthändlerin Anna Caspari, gemeinsam will man die genauen, bisher unbekannten Umstände des Verlustes vieler ihrer Bilder klären. Für diese Recherchen wurde Stillschweigen zwischen den Partnern vereinbart; die Ergebnisse aber werden, so sie vorliegen, veröffentlicht.

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