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Ratgeber für Lehrer : Emma war nicht so teamfähig

Rezepte zur Erziehung der Erzieher: Lehrer-Ratgeber versprechen heute einfach alles, und das ganz schnell. Wer zählt die vermeintlichen didaktischen Zaubertricks, die den Durchbruch beim anstrengungsfreien Lehren bringen sollen?

          Die letzten Meldungen zum Ende der Ferien in vielen Bundesländern: „Einigung auf höhere Gehälter für junge Lehrer in Berlin“, „Zum Schulbeginn mehr Lehrer gefordert“, „Immer mehr Brandenburger Lehrer melden sich krank“, „NRW-Ministerin kann sich Schulen vorstellen, die auf Hausaufgaben ganz verzichten“, „Insgesamt dreißig neue Quereinsteiger in den Lehrberuf in Hessen“.

          Datieren kann man solche Meldungen nur, wenn sie schon datiert sind. Denn es sind die Meldungen, die jedes neue Schuljahr eröffnen, vorsichtig geschätzt: seit Jahrzehnten. Mehr Geld, kleinere Klassen, die nichtverbesserbaren Krankenstände, die Vorstellungskraft von Bildungsreformern, auf was alles man verzichten kann, der Ruf nach mehr Praktikern oder neuen Schulfächern oder mehr Computern. Kindgerechter, weltgerechter, sozial gerechter, individueller, leistungsfähiger, einfühlsamer soll die Schule sein, alles zugleich. Bildungshistoriker sind Chronisten einer ewigen Wiederkehr der gleichen Wertappelle.

          Bühnenjubiläum für das gehetzte Kind

          Für keine dieser Forderungen gibt es dabei stichhaltige Hinweise, ihre Erfüllung ändere die Lage an den Schulen maßgeblich. Nicht einmal dafür, dass Klassen mit neunzehn Schülern besser lernen als solche mit zweiundzwanzig, spricht mehr als das Vorurteil derjenigen, die selbst in Klassen mit siebenundzwanzig Schülern aufwuchsen. Oder nehmen wir den Leistungsdruck, verursacht durch die gymnasiale und angeblich weltmarktkompatible Schulzeitverkürzung, die es nun nahelege, über den Wegfall von Hausaufgaben nachzudenken. Wie verhält sich die Diagnose, seit kurzem paukten die Schüler bloß noch, zu den seit Jahren steigenden Stundenzahlen des Medienkonsums? Oder zur Tatsache, dass es den Befund vom „gehetzten Kind“ längst in einer Jubiläumsausgabe zum fünfundzwanzigsten Jahrestag seines Erscheinens gibt, sinnigerweise in einem Verlag namens „Da Capo Press“.

          Eine höfliche Begrüßung ist ein guter Anfang - aber wie geht es weiter?

          David Elkind hatte 1981 in „The Hurried Child“ übrigens nicht nur die Schule und den Wahn im Blick, es könne gar nicht früh und schnell genug Bildung ins Kind gestopft werden, sondern auch das Anwachsen organisierter Freizeittätigkeit.

          Schwellendidaktik pur

          So wird die Diskussion um die Schule anschauungsfrei geführt. Das wäre gleichgültig, wären die Lehrer selbst robust gegen derlei Gerede. Sie sind es oft nicht. Dazu trägt nicht nur die rückläufige Unterstützung durch die Umwelt der Schule bei, durch Eltern, Behörden, Gesetzgeber, Medien also, die Lehrer inzwischen erleiden. Daran hat auch die Unterstützung einen Anteil, die sie seitens einer angeblich wohlwollenden, hilfegebenden Branche erfahren: der Ratgeberindustrie. Wer die Krise des Standesbewusstseins von Lehrern mit Händen greifen will, sollte die Kataloge von pädagogischen Verlagen lesen. Die Kataloge - denn die Titel selbst zu lesen kann nur unerschütterlichen Naturen mit einer robusten Daseinsfreude empfohlen werden; jeder andere nähme an seinem Weltvertrauen Schaden.

          Nicht nur „Tausend Methoden“ beispielsweise, sondern „Tausend neue Methoden“, und zwar nicht metaphorisch, sondern ganz buchstäblich tausend, hält ein Elaborat für den „kreativen und aktivierenden Unterricht“ von Günther Gugel im Beltz Verlag bereit. Etwas weniger, aber irgendwie auch viel mehr, nämlich „99 Vertretungsstunden ohne Vorbereitung“, lassen sich mit einer „Schwellendidaktik pur“, erschienen im selben Verlag, seit 2008 vorbereiten. Oder für Referendare unter dem Titel „Hallo, ich bin der Neue“ im Klett-Kallmeyer Verlag: „In einem Vier-Wochen-Kurs lernen Sie Hindernisse - Ängste, Unsicherheit, negatives Selbstbild - zu erkennen und beiseitezu räumen. Es beginnt ein Prozess, in dessen Verlauf Sie Ihre Lehrerpersönlichkeit entfalten, indem Sie lernen, Selbstvertrauen, Individualität, Autonomie und Offenheit im Umgang mit sich und Ihrer Umgebung zu entwickeln.“

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