https://www.faz.net/-gqz-87khf

Amerikanischer Alltagsrassismus : Schwarze telefonieren hier nicht

  • -Aktualisiert am

Die Amtszeit Barack Obamas neigt sich dem Ende zu. Er hatte eine katastrophale Situation vorgefunden. Sie hat sich nicht wesentlich verbessert, auch der Rassismus nicht.

          Die Frau sitzt auf dem Boden und blinzelt in die Sonne, als könnte sie nie wieder aufstehen. Das Pappschild neben ihr informiert darüber, dass sie schwanger ist und obdachlos. Die postindustrielle Zukunft Amerikas fließt als Menschenmenge aus lauter Fachleuten links und rechts an ihr vorbei. Auf der Tagung der American Chemical Society, die hier gerade stattfindet, geht es um wissenschaftlich-technische Probleme, nicht um soziale.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Besucher aus Deutschland, der diese Zusammenkunft als Zaungast erlebt, war in den vergangenen zehn Jahren häufiger in den Vereinigten Staaten, wird aber während der drei Wochen, die sein Besuch diesmal währt, in Massachussetts, North Carolina und Pennsylvania ein Land erleben, dessen sozialpolitische Widersprüche heute schmerzhafter aussehen als vor Barack Obamas erster Amtszeit. Unter den Einheimischen auf der Tagung, die der hiesigen Industrie mit Materialforschung, Simulationsphysik und Lebenswissenschaften durch die Globalanpassungsschwierigkeiten der Gegenwart helfen sollen, sind die dunklen Gesichter rar; am Taxi-Lenkrad und überhaupt im Serviceleben dagegen häufig.

          Donald Trump will eine Mauer bauen

          Viele Dienstleistungsbeschäftigte sind auffällig alt: Der Mann, der im Hotel die Fahrstuhlbelegungsauslastungsetikette erklärt, ist ein schwarzer Pensionär von 71 Jahren, der drei Jobs über eine geschäftige Woche verteilt, weil seine Betriebsrente aus der Bekleidungsbranche ihm und seiner Frau nicht zum Leben reicht. Der Milliardär Donald Trump, der sich derzeit mit einer pausenlosen Bluthochdruckperformance um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner bewirbt, verspricht dem alten Fahrstuhlmoderator zu seinen drei jetzigen Jobs noch weitere, vorausgesetzt, Trump wird Präsident und kann die elf Millionen Einwanderer deportieren, deren Anwesenheit seiner Ansicht nach den Binnenarbeitsmarkt zum Schaden der Vereinigten Staaten belastet.

          Trump will eine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen, um für florierende Wirtschaft und mehr Sicherheit zu sorgen - in Israel, sagen seine Fans von Fox News, habe das ja auch geklappt. Bezahlen soll den Festungsbau laut Trump die mexikanische Regierung, die, so trompetet er, ihre Jobdiebe, Drogenhändler, Mörder und Vergewaltiger dauernd nach Norden abschiebe. Wenn sie nicht will, soll es Sanktionen setzen.

          Will eine Grenzmauer zu Mexiko ziehen: Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

          Auf dem Flachbildschirm zwischen den Aufzügen zeigt sich der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney und warnt als Werbemaßnahme für sein eben erschienenes neues Buch „Exceptional“ vor dem geostrategischen Abstieg seiner Nation: Wohin das führe, wenn Amerika seine Ordnungsstifterpflichten nicht mehr wahrnehme, weil Barack Obama ein Friedenstäubchen sei, sehe man ja derzeit in Europa, die hätten dort gerade ein riesiges Flüchtlingsproblem; die Gehetzten kämen aus Ländern, in denen Ruhe herrschen würde, wenn die Army, die Air Force und eine kraftvolle Einschüchterungsdiplomatie wie zu Bushs Zeiten diese Ruhe hätten herstellen dürfen.

          Ein fortschrittliches Land macht sich lächerlich

          Die Chemikerinnen aus Baltimore, die der deutsche Besucher an der Bar trifft, schütteln über derlei bloß die Köpfe: Wenn Amerika weiter Weltgeltung haben wolle, finden sie, dann müsse mehr Geld für Forschung lockergemacht werden und die naturwissenschaftliche Bildung verbessert, da sei ja selbst China wacher. „Wir Amerikaner sind doch ein Witz - als fortschrittliches Land. Da haben wir jetzt einen Arzt als schwarzen Präsidentschaftsaspiranten, der weder an die Evolution noch an den Klimawandel glaubt, aber der Mann hat einen Doktortitel, das gibt es doch sonst nirgendwo auf Erden.“

          Die Damen meinen Doktor Ben Carson, den der deutsche Besucher erst gestern Abend im Autoradio dabei belauschen durfte, wie er die neueste Verschärfung der Geschlechterpolitik der organisierten amerikanischen Rechten vorangetrieben hat, den Kampf gegen die Abtreibung nämlich und die Beratungsorganisation „Planned Parenthood“, die wegen dubioser Organhandelsgeschichten derzeit Gegenstand heftiger Angriffe ist: Es sei, so Carson, doch gewiss kein Zufall, dass Margret Sanger, die 1966 verstorbene Gründerin von „Planned Parenthood“, einem Verband, dem in Deutschland etwa „Pro Familia“ entspricht, sich für Eugenik interessiert habe. Stünden heute nicht die meisten Beratungszentren von „Planned Parenthood“ in ärmeren, vor allem von Schwarzen bewohnten Vierteln der Großstädte?

          Die Schwarzen als „Stimmvieh“ der Demokraten

          Carson, bislang der einzige prominente schwarze Bewerber im Rennen für 2016, will damit andeuten, die linksliberale Unterstützung von Frauen, die sich aus welchen Gründen auch immer für eine Schwangerschaftsunterbrechung entscheiden, gründe in einer Verschwörung weißer, aber gottloser Eliten gegen alle African Americans. Das sei der Rassismus der Demokraten, der „democracism“, wie dem Besucher eine schwarze Gemüsemarktfrau erzählt, die stolz auf ihren Erfolg als Kleinunternehmerin ist: „Die Linken, auch Obama, sind schädlich für Schwarze. Ihre lasche Drogenpolitik schwächt die armen Viertel, ihre Sozialhilfegeschenke halten die Schwarzen in Unselbständigkeit. Schwarze sind nur Stimmvieh für die Demokrassisten.“

          Strukturelle Arbeitslosigkeit, verfallende kommunale Strukturen und endemische Polizeigewalt, Deprivation und Perspektivlosigkeit: die Demokratische Partei, die Obama in Rassenfragen so zurückhaltend, intelligent und antipopulistisch zu lenken versucht hat, dass man ihm zeitweise geradezu Unsichtbarkeit an diesen Fronten vorwerfen musste, hat die Tatsache, dass die Rassenpolitik zum Brennglas zahlreicher sozioökonomischer, staatspolitischer und kultureller Verschärfungen geworden ist, ernster zu nehmen als bisher, seit eine Protestkoalition namens „Black Lives Matter“ nicht mehr nur die prügel- und schießwütige Polizei, sondern auch die pater- oder maternalistische Herablassung kritisiert, mit der die bessergestellte linke Clintonista-Elite die antirassistische Sache zu vertreten pflegt.

          „Die Demokraten“, unterrichtet eine schwarze Wahlhelferin und Highschool-Lehrerin im Anfang September immer noch glutheißen North Carolina den deutschen Besucher drei Wochen nach der Bostoner Chemietagung, „verlassen sich zu sehr auf die schwarzen Stimmen. Sie halten unsere Gefolgschaft für sicher, das kann sich übel rächen. Hier im Staat etwa gibt es gerade großen Ärger beim African American Caucus der North Carolina Democratic Party, weil zwar mehr als fünfzig Prozent aller hier für diese Partei registrierten Wahlberechtigten schwarz sind, diese Partei selbst aber trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - rein gar nichts unternimmt, eine gerechte Repräsentation dieser Klientel in der Parteihierarchie zu gewährleisten oder auch nur schwarze Stimmen für 2016 direkt zu mobilisieren, indem sie etwa über Lippenbekenntnisse hinaus das ernst nähme, was die schwarze Community beschäftigt.“

          Rassismus als Lebensrealität

          Hier im Südosten spürt man zu Beginn des letzten Jahresdrittels im Alltag nicht nur die Nachwirkungen der auch in Europa bekanntgewordenen Untaten der Polizei während des Sommers sowie des Terrormordes an Kirchenbesuchern in Charleston im benachbarten South Carolina. Gegen solcherart Horror steht die Linke immerhin noch zusammen - aber „alle öffentlichen Figuren auf Seiten der Demokraten, denen zugetraut wird, die Nominierung zu ergattern“, sagt die Lehrerin, „stehen vor den Interventionen von Black Lives Matter, als käme ihnen erst durch diese Aktionen auf Vorwahlveranstaltungen, dieses Greifen nach den Mikrofonen überhaupt zu Bewusstsein, dass es in diesem Land Rassismus nicht nur als irgendwie bedauerliche Einstellung und Gift in den Herzen gibt, sondern als konkrete Lebensrealität von Menschen, die nicht wissen, wieso sie eine von zwei Parteien ankreuzen sollen, die das nicht interessiert“.

          Die Lehrerin unterrichtet zwar Mathematik, ist aber auch literarisch interessiert und belesen; deshalb kann sie dem deutschen Besucher ein Buch empfehlen, das besagte Lebensrealität in dichter, prägnanter, bildkräftiger wie reflektierter Vielstimmigkeit artikuliert. Es gehört zu den wichtigsten Texten der amerikanischen Gegenwartsliteratur und ist in Deutschland nahezu unbekannt: „Citizen - An American Lyric“ von Claudia Rankine ist 2014 erschienen, war auf der Shortlist für den National Book Award und spricht davon, wie das ist, wenn man schon als Kind erfährt, dass man in bestimmten sozialen Zusammenhängen einfach nicht zählt, nicht sichtbar ist, wenn man immer wieder mit anderen Leuten verwechselt wird, weil „alle Schwarzen gleich aussehen“, wenn man auch im akademischen Umfeld als Kollektivmustermensch statt als Person wahrgenommen wird.

          Rankine erzählt die Geschichte eines schwarzen Bekannten, der in einer Wohngegend für leidlich Wohlhabende telefonierend im Kreis herumspazierte, aber plötzlich von Streifenwagen umzingelt wurde. Ein besorgter Bürger hatte den Fremdkörper durchs Fenster gesehen, und weil dieser jenem nicht bekannt vorkam, musste er bei der Personenüberprüfung durch den schwerbewaffneten Sicherheitstrupp Ruhe bewahren und sich am Ende empfehlen lassen, doch lieber anderswo zu telefonieren. Zahlreichen Vorfällen der vergangenen Jahre nach zu schließen befand er sich dabei in Lebensgefahr.

          Wie ein ständiger Regen

          Rassismus, schreibt Claudia Rankine, sei für sie und ihresgleichen (aber wer ist ihresgleichen? Wer bestimmt das?) wie ein ständiger Regen. Wenn sie ihren linksliberalen weißen Bekannten davon erzählt, weisen die womöglich darauf hin, dass dieser Regen für eine erfolgreiche Dichterin in den Milieus, die ihr zugänglich sind, eher ein leichtes Nieseln ist als ein Sturm. Aber es müsste eben darum gehen, endlich zu begreifen, wie das ist, wenn man, vom ewigen leichten Nieseln die ganze Zeit durchgeweicht bis auf die Knochen, unter selbstverständlich Trockenen manövrieren soll.

          „Was weiße Linke einfach nicht wahrnehmen, die uns immer so nett adoptieren“, sagt die Lehrerin, „und die jetzt gerade dabei sind, auch die Latinos ähnlich nett zu adoptieren, und bald die Flüchtlinge, und wer weiß wen noch - was diese Gutherzigen nicht begreifen, ist, wie unglaublich lange, historisch gesehen, es dauert, ein einmal geschehenes Unrecht zu überwinden. Sie sagen immer wieder, die Sklaverei tut uns heute noch leid, und die rechten Weißen sagen: Was wollt ihr denn, die Sklaverei ist doch so lange her? Aber sie kapieren beide nicht, dass die Bedingungen, die eine Menschengruppe benachteiligen, sich auch in veränderten Rechtslagen sehr lange unter der Institutionalisierungsschwelle reproduzieren: als Gewohnheiten, als Gelegenheiten, einen Startvorteil zu nutzen, ein existierendes Netzwerk von Erleichterungen sozialer Beweglichkeit, als Tradition, als etwas scheinbar Kulturelles, das nicht besser wird, wenn jemand sagt: Hey, endlich gibt es auch schwarze Astronauten und Buchpreisträgerinnen. Denn das stellt eben auch wieder nur fest: Sie sind Ausnahmen, wir sind generös. Und währenddessen werden die Regale intakt gelassen, in denen die Leute ökonomisch und politisch einsortiert werden können. Billigjob zum Beispiel, das heißt dann sehr schnell einfach: Job für Nichtweiße. Wer die Menschenregale baut, wird die Menschen finden, die sie füllen.“

          Wir sehen fern. Einem Journalisten mit spanisch klingendem Namen platzt in einer Diskussion der Kragen, er fährt einen weißen Kollegen an: „Sie und ich, wir erzeugen doch diese Migration, über die Sie schimpfen. Wir Reichen schätzen Leute, die hier den Lohndurchschnitt niedrig halten, indem sie auch die billigste Arbeit annehmen - diese Leute kommen doch nicht, weil sie mal nach Disneyland wollen. Sie kommen, weil unsere Gesellschaftsarchitektur einen kalten Keller hat, in dem sie wohnen können. Denn zu Hause, in Mexiko, haben sie nicht mal so einen Keller, da stehen sie auf der Straße und kommen im Kugelhagel um, im Drogenkrieg. Wir sind das kleinere Übel, und bei uns ist es übel genug.“

          Die schwangere Obdachlose in Boston, übrigens, war blond und hellhäutig.

          Weitere Themen

          90 Jahre Oscars Video-Seite öffnen

          Übersicht : 90 Jahre Oscars

          Die wichtigsten Oscars auf einen Blick – vom besten Film bis zum besten Make-up, von heute bis zur ersten Trophäe – mit Ranglisten, Kategorien und Video-Filmkritien.

          Topmeldungen

          Das Plakat zeigt EU-Kommissionschef Juncker und George Soros mit den Worten: „Auch Sie haben das Recht zu wissen, was Brüssel vorhat“.

          Viktor Orbán und die EU : Eine weitere Zerreißprobe

          Orbán provoziert Brüssel mit einer neuen Plakatkampagne. Doch diesmal geht er so weit, dass sich EVP darüber entzweien könnte.
          Die „Gorch Fock“ läuft aus ihrem Heimathafen in Kiel aus.

          Insolvenz : Krimi um „Gorch Fock“ und ihre Werft

          Die Sanierung des maroden Segelschiffs „Gorch Fock“ gerät immer weiter zum Krimi. Jetzt meldet die zuständige Werft Insolvenz an – und es ist von rätselhaften Geldflüssen in Millionen-Höhe die Rede.

          Sinkende Exportzahlen : So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

          Erstmals seit 2009 sinkt der Wert der deutschen Autoexporte. Der drohende Handelskonflikt mit Amerika, der Brexit und neue Abgasvorschriften setzen der Branche zu. Deutschlands wichtigste Branche geht unsicheren Zeiten entgegen.

          Sebastian Rudy : Das Schalker Symbol des Scheiterns

          Der deutsche Nationalspieler erweist sich als Fehlinvestition von Schalke 04. Sogar der lange Zeit sehr nachsichtige Manager verliert nun die Geduld mit Sebastian Rudy. Und der wirkt eher uneinsichtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.