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Amerikanischer Alltagsrassismus : Schwarze telefonieren hier nicht

  • -Aktualisiert am

Die Amtszeit Barack Obamas neigt sich dem Ende zu. Er hatte eine katastrophale Situation vorgefunden. Sie hat sich nicht wesentlich verbessert, auch der Rassismus nicht.

          Die Frau sitzt auf dem Boden und blinzelt in die Sonne, als könnte sie nie wieder aufstehen. Das Pappschild neben ihr informiert darüber, dass sie schwanger ist und obdachlos. Die postindustrielle Zukunft Amerikas fließt als Menschenmenge aus lauter Fachleuten links und rechts an ihr vorbei. Auf der Tagung der American Chemical Society, die hier gerade stattfindet, geht es um wissenschaftlich-technische Probleme, nicht um soziale.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Besucher aus Deutschland, der diese Zusammenkunft als Zaungast erlebt, war in den vergangenen zehn Jahren häufiger in den Vereinigten Staaten, wird aber während der drei Wochen, die sein Besuch diesmal währt, in Massachussetts, North Carolina und Pennsylvania ein Land erleben, dessen sozialpolitische Widersprüche heute schmerzhafter aussehen als vor Barack Obamas erster Amtszeit. Unter den Einheimischen auf der Tagung, die der hiesigen Industrie mit Materialforschung, Simulationsphysik und Lebenswissenschaften durch die Globalanpassungsschwierigkeiten der Gegenwart helfen sollen, sind die dunklen Gesichter rar; am Taxi-Lenkrad und überhaupt im Serviceleben dagegen häufig.

          Donald Trump will eine Mauer bauen

          Viele Dienstleistungsbeschäftigte sind auffällig alt: Der Mann, der im Hotel die Fahrstuhlbelegungsauslastungsetikette erklärt, ist ein schwarzer Pensionär von 71 Jahren, der drei Jobs über eine geschäftige Woche verteilt, weil seine Betriebsrente aus der Bekleidungsbranche ihm und seiner Frau nicht zum Leben reicht. Der Milliardär Donald Trump, der sich derzeit mit einer pausenlosen Bluthochdruckperformance um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner bewirbt, verspricht dem alten Fahrstuhlmoderator zu seinen drei jetzigen Jobs noch weitere, vorausgesetzt, Trump wird Präsident und kann die elf Millionen Einwanderer deportieren, deren Anwesenheit seiner Ansicht nach den Binnenarbeitsmarkt zum Schaden der Vereinigten Staaten belastet.

          Trump will eine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen, um für florierende Wirtschaft und mehr Sicherheit zu sorgen - in Israel, sagen seine Fans von Fox News, habe das ja auch geklappt. Bezahlen soll den Festungsbau laut Trump die mexikanische Regierung, die, so trompetet er, ihre Jobdiebe, Drogenhändler, Mörder und Vergewaltiger dauernd nach Norden abschiebe. Wenn sie nicht will, soll es Sanktionen setzen.

          Will eine Grenzmauer zu Mexiko ziehen: Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

          Auf dem Flachbildschirm zwischen den Aufzügen zeigt sich der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney und warnt als Werbemaßnahme für sein eben erschienenes neues Buch „Exceptional“ vor dem geostrategischen Abstieg seiner Nation: Wohin das führe, wenn Amerika seine Ordnungsstifterpflichten nicht mehr wahrnehme, weil Barack Obama ein Friedenstäubchen sei, sehe man ja derzeit in Europa, die hätten dort gerade ein riesiges Flüchtlingsproblem; die Gehetzten kämen aus Ländern, in denen Ruhe herrschen würde, wenn die Army, die Air Force und eine kraftvolle Einschüchterungsdiplomatie wie zu Bushs Zeiten diese Ruhe hätten herstellen dürfen.

          Ein fortschrittliches Land macht sich lächerlich

          Die Chemikerinnen aus Baltimore, die der deutsche Besucher an der Bar trifft, schütteln über derlei bloß die Köpfe: Wenn Amerika weiter Weltgeltung haben wolle, finden sie, dann müsse mehr Geld für Forschung lockergemacht werden und die naturwissenschaftliche Bildung verbessert, da sei ja selbst China wacher. „Wir Amerikaner sind doch ein Witz - als fortschrittliches Land. Da haben wir jetzt einen Arzt als schwarzen Präsidentschaftsaspiranten, der weder an die Evolution noch an den Klimawandel glaubt, aber der Mann hat einen Doktortitel, das gibt es doch sonst nirgendwo auf Erden.“

          Die Damen meinen Doktor Ben Carson, den der deutsche Besucher erst gestern Abend im Autoradio dabei belauschen durfte, wie er die neueste Verschärfung der Geschlechterpolitik der organisierten amerikanischen Rechten vorangetrieben hat, den Kampf gegen die Abtreibung nämlich und die Beratungsorganisation „Planned Parenthood“, die wegen dubioser Organhandelsgeschichten derzeit Gegenstand heftiger Angriffe ist: Es sei, so Carson, doch gewiss kein Zufall, dass Margret Sanger, die 1966 verstorbene Gründerin von „Planned Parenthood“, einem Verband, dem in Deutschland etwa „Pro Familia“ entspricht, sich für Eugenik interessiert habe. Stünden heute nicht die meisten Beratungszentren von „Planned Parenthood“ in ärmeren, vor allem von Schwarzen bewohnten Vierteln der Großstädte?

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