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Amerikanischer Alltagsrassismus : Schwarze telefonieren hier nicht

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Rankine erzählt die Geschichte eines schwarzen Bekannten, der in einer Wohngegend für leidlich Wohlhabende telefonierend im Kreis herumspazierte, aber plötzlich von Streifenwagen umzingelt wurde. Ein besorgter Bürger hatte den Fremdkörper durchs Fenster gesehen, und weil dieser jenem nicht bekannt vorkam, musste er bei der Personenüberprüfung durch den schwerbewaffneten Sicherheitstrupp Ruhe bewahren und sich am Ende empfehlen lassen, doch lieber anderswo zu telefonieren. Zahlreichen Vorfällen der vergangenen Jahre nach zu schließen befand er sich dabei in Lebensgefahr.

Wie ein ständiger Regen

Rassismus, schreibt Claudia Rankine, sei für sie und ihresgleichen (aber wer ist ihresgleichen? Wer bestimmt das?) wie ein ständiger Regen. Wenn sie ihren linksliberalen weißen Bekannten davon erzählt, weisen die womöglich darauf hin, dass dieser Regen für eine erfolgreiche Dichterin in den Milieus, die ihr zugänglich sind, eher ein leichtes Nieseln ist als ein Sturm. Aber es müsste eben darum gehen, endlich zu begreifen, wie das ist, wenn man, vom ewigen leichten Nieseln die ganze Zeit durchgeweicht bis auf die Knochen, unter selbstverständlich Trockenen manövrieren soll.

„Was weiße Linke einfach nicht wahrnehmen, die uns immer so nett adoptieren“, sagt die Lehrerin, „und die jetzt gerade dabei sind, auch die Latinos ähnlich nett zu adoptieren, und bald die Flüchtlinge, und wer weiß wen noch - was diese Gutherzigen nicht begreifen, ist, wie unglaublich lange, historisch gesehen, es dauert, ein einmal geschehenes Unrecht zu überwinden. Sie sagen immer wieder, die Sklaverei tut uns heute noch leid, und die rechten Weißen sagen: Was wollt ihr denn, die Sklaverei ist doch so lange her? Aber sie kapieren beide nicht, dass die Bedingungen, die eine Menschengruppe benachteiligen, sich auch in veränderten Rechtslagen sehr lange unter der Institutionalisierungsschwelle reproduzieren: als Gewohnheiten, als Gelegenheiten, einen Startvorteil zu nutzen, ein existierendes Netzwerk von Erleichterungen sozialer Beweglichkeit, als Tradition, als etwas scheinbar Kulturelles, das nicht besser wird, wenn jemand sagt: Hey, endlich gibt es auch schwarze Astronauten und Buchpreisträgerinnen. Denn das stellt eben auch wieder nur fest: Sie sind Ausnahmen, wir sind generös. Und währenddessen werden die Regale intakt gelassen, in denen die Leute ökonomisch und politisch einsortiert werden können. Billigjob zum Beispiel, das heißt dann sehr schnell einfach: Job für Nichtweiße. Wer die Menschenregale baut, wird die Menschen finden, die sie füllen.“

Wir sehen fern. Einem Journalisten mit spanisch klingendem Namen platzt in einer Diskussion der Kragen, er fährt einen weißen Kollegen an: „Sie und ich, wir erzeugen doch diese Migration, über die Sie schimpfen. Wir Reichen schätzen Leute, die hier den Lohndurchschnitt niedrig halten, indem sie auch die billigste Arbeit annehmen - diese Leute kommen doch nicht, weil sie mal nach Disneyland wollen. Sie kommen, weil unsere Gesellschaftsarchitektur einen kalten Keller hat, in dem sie wohnen können. Denn zu Hause, in Mexiko, haben sie nicht mal so einen Keller, da stehen sie auf der Straße und kommen im Kugelhagel um, im Drogenkrieg. Wir sind das kleinere Übel, und bei uns ist es übel genug.“

Die schwangere Obdachlose in Boston, übrigens, war blond und hellhäutig.

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