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Debatte über Rassebegriff : Kann das Wort weg?

  • -Aktualisiert am

Rassismus kommt von Rasse: Demonstrierende in Berlin Bild: AFP

Rassistisch ist, wer „Rasse“ sagt: Kann eine Sache durch ein Wort gebannt werden? Überlegungen zu einem sachlogischen Dilemma.

          2 Min.

          Zu beurteilen, ob es nicht doch so etwas wie eine menschliche Rasse gibt, soll hier nicht der Ort sein. Das Wort – da ist all jenen, die seine Streichung aus dem Grundgesetz fordern, recht zu geben – riecht nicht gut, es ist, zumal hierzulande, historisch belastet. Ob es Biologen oder Anthropologen gibt, die damit noch etwas anzufangen wissen, scheint mittlerweile nachrangig zu sein; es würde sich wohl kaum jemand trauen, es zuzugeben. Denn die Diskussion wird jetzt beklemmend eng geführt.

          Jeder, der das Wort noch verwendet, ist schon verdächtig, und zwar doppelt: zum einen, dass er überhaupt noch an eine wissenschaftlich eindeutig so nicht mehr haltbare „Rasse“ glaubt, dass er also Unterschiede zwischen einzelnen Menschengruppen geltend macht, die mit der biologischen Abstammung und der geographischen Herkunft gegeben sind; zum anderen, dass er es für richtig hält oder jedenfalls nichts dagegen hat, wenn bestimmte Menschengruppen benachteiligt, diskriminiert, kleingehalten oder sogar getötet, ihnen mithin Rechte vorenthalten werden.

          Soziale Ächtung

          Lange galt nur Letzteres als Rassismus, inzwischen auch Ersteres, wie man auf Twitter sehen kann: „Manchmal ist Politik ziemlich kompliziert, aber manchmal auch sehr einfach: Jede Person, die bei einer Abstimmung im Bundestag dagegen stimmt, den Begriff ,Rasse‘ aus dem Grundgesetz zu streichen, handelt rassistisch.“ Das leuchtet ein: Rassistisch ist schon, wer „Rasse“ sagt, auch wer glaubt, dass es eine gibt, unabhängig davon, ob er aus den mit dem Begriff unter- oder einfach nur festgestellten „rassischen“ Unterschieden auch Konsequenzen gezogen sehen will, politische wie eben das Vorenthalten von Rechten oder privat-persönliche wie Kontaktvermeidung, soziale Ächtung.

          Ob sich Abgeordnete, die in dieser Hinsicht zu einem gewissen Konservatismus neigen und das Wort lieber stehenlassen wollen, von dieser gnadenlos zuschnappenden Falle abschrecken und von ihrer Meinung abbringen lassen? Es kann trotzdem sein, dass, in dieser Logik und über Fraktionsgrenzen hinweg, ein Abstimmungsergebnis herauskommt, welches besagt, dass der Bundestag zu einem Drittel oder sogar noch mehr aus Rassisten besteht. Wahrscheinlich wird das Wort ja gestrichen, das gesellschaftliche Klima ist nun einmal danach. Deshalb kann man sich jedes weitere Nachdenken darüber sparen, ob, wenn das Wort gestrichen wird, damit auch die Sache, der Missstand Rassismus, schon beseitigt ist.

          Das Verhältnis zwischen Sprache und (politischer) Wirklichkeit wird davon nicht tangiert, es bleibt so kompliziert und am Ende so unerforschlich, wie es ist. Dieser Fall trägt jedenfalls, über die in ihm waltende und an sich ja nicht verkehrte Wehret-den-Anfängen-Mentalität hinaus, Züge von magischem oder kindlichem Denken, indem man so tut, als könnte eine Sache durch ein Wort gebannt werden. Ist es eine Überinterpretation zu sagen, man wolle keine „Rasse“, aber den „Rassismus“ (zur Sprache bringen)? Denn so ist das nun mal bei diesem Hygienefimmel: Aus dem sachlogischen Dilemma kommt man so leicht nicht heraus.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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