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Rapper Shahin Najafi : „Eine Fatwa ist ja kein Ratschlag“

  • Aktualisiert am

Seit dem das Kopfgeld auf ihn ausgesetzt wurde, ist alles anders: Rapper Shahin Najafi Bild: dapd

Vor einigen Wochen wurde auf Shahin Najafi ein Kopfgeld ausgesetzt. Angeblich hatte der Rapper den Imam in einem Song beleidigt. Jetzt ist er in Köln untergetaucht. Von Solidarität keine Spur.

          Einen Tag nach der Veröffentlichung des Rap-Songs „Naghi“ im Internet wird gegen Shahin Najafi das Todesdekret verhängt. Mit dieser Aufforderung zur Ermordung des 1980 geborenen, in Deutschland lebenden Musikers ist eine neue Entgrenzung terroristischer Bedrohung gegeben, es ist auch ein Angriff auf das Zusammenleben in Deutschland. Günter Wallraff, dessen Appell, Najafi zu helfen, bisher ungehört blieb, hat ihn in der Nähe von Köln in Sicherheit gebracht. Hier waren wir mit Najafi verabredet, doch weil sein Manager den Namen des Übersetzers nicht kennt, fürchtet er um das Geheimnis des Aufenthaltsorts und sagt: „Wir kommen zu Ihnen.“ Am nächsten Morgen steht Najafi vor der Tür.

          Herr Najafi, am 8. Mai wurde eine Fatwa, die Großajatollah Lotfollah Safi Golpaygani zwei Wochen zuvor ausgesprochen hatte, direkt und persönlich gegen Sie gerichtet. Außerdem wurde von einer Website, die den iranischen Revolutionsgarden nahesteht, ein Kopfgeld von 100000 Dollar auf Sie ausgesetzt. Wie hat das Ihr Leben verändert?

          Shahin Najafi: Alles ist anders. Ich kann mich nicht mehr frei bewegen und habe keine Kontakte mehr zu Freunden, außer zu meinem Manager - und zu Journalisten. Aber ich bin froh, dass ich Günter Wallraff kennen gelernt habe und er mich in dieser schwierigen Situation unterstützt. Ich hatte in den letzten Tage viel Zeit darüber nachzudenken, was ich richtig und was ich vielleicht falsch gemacht habe.

          Sie meinen, ob es richtig war, das Lied „Naghi“ zu veröffentlichen, in dem Sie den zehnten der zwölf schiitischen Imame, der im neunten Jahrhundert gelebt hat, anrufen, um im Iran die politische und gesellschaftliche Schieflage in Ordnung zu bringen, aber auch rappen: „Oh Naghi, ich flehe um Liebe und Viagra / um breit gemachte Beine und die Untertänigen“?

          Dieses Lied ist die Quintessenz von allem, was ich bisher geschrieben habe. Vor einem Jahr hatte ich ein Lied verfasst, in dem ich mich an den zwölften Imam, an Mahdi, den islamischen Messias, wende, aber das war nicht ironisch oder satirisch, sondern eher melancholisch und traurig. Auf diesen Song hatte ich nur positive Reaktionen erhalten. Ich habe ein Jahr lang auf eine „Antwort“ von Imam Mahdi gewartet, aber keine bekommen. Dann habe ich vor fünf, sechs Monaten dieses neue Lied geschrieben. Am 7. Mai habe es veröffentlicht, da war ich gerade in Paris. Ein paar Stunden später kursierten im Internet die ersten Meldungen über das angebliche Todesdekret gegen mich. Als ich dann im Internet das Kopfgeld sah, begriff ich, dass es todernst war. Es gibt das Sprichwort: „Du kannst an einen Stein glauben, solange Du mich nicht steinigst.“

          Wer steckt hinter dem Todesdekret?

          Die Todesdekrete werden von Großayatollahs ausgesprochen und als Todesdrohungen von der Pasdaran, der iranischen Revolutionsgarde, verbreitet. Das Regime hat auf eine Gelegenheit gewartet, mich zu blockieren oder auszulöschen. Inzwischen sind es vier Großayatollahs, die diese Fatwa ausgesprochen haben.

          An wen ist die Aufforderung, Sie zu töten, gerichtet?

          Erstmal an die schiitische Gemeinschaft. „Fatwa“ ist ja kein Ratschlag, sondern ein Befehl.

          In Deutschland hat er gelebt wie ein Wolf, die Öffentlichkeit hat er nicht gesucht

          Wer stellt Ihre Songs auf die Provider?

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