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Vergewaltigung auf dem Campus : Der läuft hier doch noch frei herum!

  • -Aktualisiert am

Der Dokumentarfilm „The Hunting Ground“ von Kirby Dick thematisiert das Problem von Campusvergewaltigungen. Bild: AP

Amerika diskutiert hitzig über Vergewaltigungen auf dem Campus. Nur wenige mutmaßliche Opfer gehen zur Polizei. Dafür wird eine merkwürdige Ersatzjustiz an den Universitäten tätig.

          Eine junge Frau trägt eine Matratze über den Campus der New Yorker Columbia University, schleppt das sperrige Ding mit sich, wo sie geht und steht. Die Matratze repräsentiert eine Vergewaltigung im eigenen Bett, die Emma Sulkowicz einem Kommilitonen vorwirft und deren Last sie nicht länger still mit sich herumtragen will. Also macht sie daraus eine Kunst-Performance.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bilder gingen im vergangenen Herbst um die Welt, und sie befeuerten in Amerika eine vehementer denn je geführte öffentliche Debatte um „Campus Rape“. Präsident Obama selbst startete im September eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe an Universitäten und forderte eine „fundamentale Wende in unserer Kultur“.

          Die Geschichte von Emma Sulkowicz ist in mehrfacher Hinsicht brisant und exemplarisch. Zunächst macht sie deutlich, was Vergewaltigung auf dem Campus sehr häufig bedeutet: nämlich keinen Überfall durch Fremde, sondern sogenanntes „date rape“. Bei Sulkowicz geht es um „unconsensual sex“, der aus vorherigem „consensual sex“ hervorgegangen sei. Der Beschuldigte, mit dem sie zuvor bereits zweimal freiwillig geschlafen hatte, habe sie bei der Begegnung im August 2012 zu etwas gezwungen, was sie nicht wollte. In der Darstellung des Kommilitonen war dagegen alles einvernehmlich.

          „Rape Culture“ an amerikanischen Unis?

          Sulkowicz meldete den Fall bei der zuständigen Beschwerdestelle der Columbia University, doch die Untersuchung befand den Mann für nicht schuldig. Die junge Studentin erfuhr daraufhin eine Welle der Solidarität, die auch medial ein großes Echo auslöste. Viele sahen in ihrem Fall einen weiteren Beweis dafür, dass Universitäten mit Vergewaltigungsfällen falsch umgehen. Andere wiederum halten dies für Hysterie. Wasser auf deren Mühlen war etwa ein Bericht über einen anderen Fall einer angeblichen Gruppenvergewaltigung in einer Studentenverbindung an der University of Virginia im Magazin „Rolling Stone“, der ebenfalls hohe Wellen schlug. Es stellte sich jedoch später heraus, dass die Reporterin mit keinem der Beschuldigten gesprochen und offenbar vieles erfunden hatte.

          Auch über die schiere Statistik wurde gestritten: Ein Artikel in „USA Today“ etwa behauptete, dass die Zahlen von Vergewaltigungen in Wirklichkeit abnähmen. In einem lesenswerten Artikel im „New York Magazine“ („Campus Rape: Still a Nightmare“) hingegen wurde differenziert dargelegt, dass es sich um ein ernstes und, man darf wohl auch sagen, im Vergleich zu Europa viel größeres Problem handelt.

          Ob man geradezu von einer „Rape Culture“ an den amerikanischen Unis sprechen muss, wie das die studentische Aktivistin Alexa Brodsky tut, ist fraglich. Aber dass gerade unter den ganz jungen Studenten in Amerika eine unselige Mischung aus Sex-Verrücktheit, ersten Erfahrungen mit Alkohol und Drogen und Gruppenzwang herrscht, zudem oft ein noch durch die Highschool geprägtes Rollenbild dominiert, in dem Jungs die angehimmelten Sportler und Mädchen die willigen Cheerleader sind, das liegt für jeden auf der Hand, der eine beliebige Undergraduate-Party besucht.

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